… denn sie wissen nicht, was sie tun (sollen)!

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Samstag, 22. Oktober 2011 12:33:00

Blicken Sie noch durch? Die Frage stelle ich nicht an Sie als Leser, sondern ist an die Politiker gerichtet, die nun gewichtige Entscheidungen für die nächsten Generationen zu fällen haben. Sie entscheiden jetzt auch über unsere Altersversorgung und die Altersversorgung der Enkelkinder. In jedem Fall scheinen Politiker sehr schnell von Investmentbankern und sonstigen Zockerbuden zu lernen. Durch kreditfinanzierte Hebel versucht man nun die Rettungssumme des EFSF von 440 Mrd € auf über 1 Billion € oder sogar 2 Billionen € zu hebeln. Die Haftungssumme für Deutschland soll dabei aber bei 210 Mrd. € bleiben.

So mancher Politiker ist völlig überfordert und versteht jetzt gar nichts mehr, der Normalbürger wird zum „Wutbürger“. Soll die Erweiterung des EFSF nun eine Art Versicherungsleistung (mit Garanatien) oder eine Banklösung mit Krediten als Hebel werden? Frankreich will, dass der EFSF eine Banklizenz bekommt. Klar dann kann die Einlage (welche?) fast beliebig gehebelt werden wie bei Investmentbanken um das 40 bis 50-fache. Schäuble denkt an seine Enkelkinder und ist strikt dagegen.

Am Freitag wurde die schon angekündigte Regierungserklärung abgesagt, da es nichts zu erklären gibt. Die Abgeordneten wissen wieder mal gar nicht, worüber sie zu entschieden haben. Der Zeitdruck ist jetzt enorm, den bis Mittwoch soll einen Entscheidung der EU vorliegen. So etwas hat es lange nicht gegeben, dass eine Regierungserklärung kurzfristig abgesagt wird. Auch ist nicht klar, ob der erweiterte Rettungssschirm vom Bundestag neu verabschiedet werden muss, was die Opposition fordert, oder nur in den Haushaltsausschuss übergeleitet wird. Am Wochenende gibt es einen EU-Gipfel nach dem anderen, wobei das dann auch nur Beratungen und noch keine Entscheidungen werden sollen.

Zum Zankapfel werden nun die Durchführungsrichtlinien, die erst einmal in 27 verschiedene europäische Sprachen übersetzt werden müssen – Achtung: der Dolmetscher/Übersetzer ist immer der Lügner! – und dann müssen die Durchführungsrichtlinien des EFSF auch von allen Ländern richtig verstanden werden, was wohl noch zu Unstimmigkeiten führt. Bis Mittwoch soll nun das Maßnahmenbündel der EU fertig sein, was wohl noch einige Debatten auslösen wird. Da bis Freitag noch nicht alle auf dem erforderlichen Wissenstand waren und gar nicht wussten, worüber sie bei den EU-Gipfeln entscheiden sollen, was für sich betrachtet schon ein politischer Skandal ist, gilt wohl als Entschuldigung der Bibelspruch „.. denn sie wissen nicht, was sie tun (sollen)“.

Diesen Eindruck gewinnen auch die Aktienmärkte, die nervös hin und her schwanken, zuletzt endlich einmal nach oben. Dass Europa mit einer Stimme spricht und auch dem Finanzmarkt gesagt wird, wo es lang gehen soll, ist wohl zu viel erwartet. Klar ist wohl, dass es einen Schuldenschnitt in Griechenland um etwa 50% geben wird und dieser auch schon vorbereitet wird. Die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands steht also trotz der neuen Tranche der Troika an Griechenland im Volumen von 8 Mrd € vor der Tür und ist kaum mehr abzuwenden.

Die EU will nach dem Beschluss der Finanzminister am Freitag in Brüssel dennoch 5,8 Mrd € zahlen, den Rest der IWF, der sich aber anders als die Finanzminister der EU noch nicht zu einer positiven Entscheidung durchringen konnte. Die 8 Mrd € Tranche soll erst im November überwiesen werden. Die einhellige Meinung ist, dass die 8 Mrd € nicht ausreichen werden und das Problem der Zahlungsunfähigkeit Griechenlands schon bald wieder diskutiert werden muss. Die meisten Experten gehen davon aus, dass Griechenland ein Fass ohne Boden ist und mithin nicht mehr zu retten ist. Was passiert, wenn Griechenland aber doch gerettet werden kann? Die jetzt neu eingeleiteten Sparbeschlüsse sind schon sehr weitreichend, was die Bevölkerung aber auch wieder auf die Straße treibt. Der Generalstreik legt die gesamte Wirtschaft lahm, was die wirtschaftliche Situation nur verschlechtert. Der Staatsbankrott Griechenlands scheint mittelfristig also unabwendbar zu sein, wenn die Steuereinnahmen nicht wie erhofft fließen und auch die Privatisierungen nicht voran kommen.

Damit dadurch nicht zu viele europäische Banken Pleite gehen, soll nun der erweiterte EFSF herhalten, wobei vor allem die Amerikaner auf einen Garantiebetrag von 2 Billionen € drängen. Die Amerikaner leben aber schon lange über ihre Verhältnisse und sind beim Schuldenmachen wohl der schlechteste Ratgeber. So nimmt der Wahnsinn kein Ende, sondern fängt erst so richtig an. Nach dem erhofften Befreiungsschlag sieht es bis jetzt nicht aus, was die Börse in der nächsten Woche wohl mit fallenden Kursen quittieren wird. Der Streitpunkt ist der Hebel des EFSF.

Meine Meinung dazu ist ganz klar: alle Hebel erhöhen auch die Haftung für alle Mitgliedstaaten in Ernstfall. Die Politiker sollten sich auch das worst case-Szenario vorher genau überlegen, bevor sie zu schnell von Investmentbankern etwas aufsaugen, was sie gar nicht verstehen. Sie machen jetzt die gleichen Fehler wie die Vorstände und Aufsichtsräte deutschen Landesbanken, die auch nicht wussten, was in den gebündelten Kredite alles an faulen Eiern drin ist. Die Folge war eine faktische Insolvenz der Landesbanken, die wiederum nur durch den Steuerzahler aufgefangen wurde. So könnte es auch bei gehebelten EFSF enden. Bei den Landesbanken saßen auch viele Politiker im Aufsichtsrat. Das Ergebnis der Aufsicht war niederschmetternd.

In Betracht kommt später die Diskussion über eine Währungsreform, einen neuen Zwei-Klassen-Euro, einen neue Eurozonen-Diktatur durch eine europäische Wirtschaftsregierung, aber auch ein Streit zwischen vielen Euroländern über den richtigen Weg in der Krise, wobei die Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland (= mehr sparen) und Frankreich (= mehr ausgeben) schon symptomatisch sind.

Ich muss auch sagen, dass das alles sehr dilettantisch von den EU-Bürokraten vorbereitet ist. Wieso bringt man erst jetzt den Hebel ins Spiel, der möglichwieweise auf Beratungen der Amerikaner oder des IWF zustande kam. Wer ist überhaupt verantwortlich für den Hebel und warum wurde dieser nicht zuvor als Druckvorlage ins Parlament eingebracht? Auch das könnte ein kleiner Vorgeschmack einer von vielen jetzt so vehement geforderten europäischen Wirtschaftsregierung sein.

Wenn man sich das alles anschaut, dann graut es mir schon vor einer europäischen Wirtschaftsregierung, die möglicherweise auch einmal beschlossen wird. Ich bin sehr für eine Vereinheitlichung der Steuergesetzgebung in Europa, damit es kein Steuer-Dumping gibt. Auch kann man über gemeinsame Rettungs- oder Solidaritätsfonds sprechen. Aber das Diktat von Europa-Bürokraten über nationale Haushalte wird so manchen zu weit gehen.

Da kann man gut verstehen, dass jetzt auch Abgeordnete zu „Wutbürgern“ werden. Bei dem EFSF geht es vordergründig um die Bankenrettung und damit die Rettung des Finanzsystems, das kurz vor dem Abgrund steht. Irgendwann wird Schäuble oder sein Nachfolger voller Stolz sagen: „Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, aber jetzt sind wir schon einen Schritt weiter!“ Das war es dann mit der Altersversorgung, die in die Altersarmut und zur Rente mit 70 führt.

Trotz der diffusen Entscheidungslage bei dem EU-Gipfel könnten sich die Aktienkurse in den nächsten Wochen im Rahmen einer Herbstrallye nach oben bewegen. Die EU und IWF werden wohl nun doch im November eine weitere Tranche in Höhe von 8 Mrd € auszahlen, davon die EU 5,8 Mrd €, was aber nicht ausreichen wird. Diese Überschuldung Griechenlands wird uns also noch eine Weile beschäftigen, bis zum Schuldenschnitt.

Die Herbstrallye ist Anfang Oktober brachte bereits über 15%, wobei die Erholungseffekte beim DAX, Euro Stoxx und RTS größer waren als beim Dow Jonas. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass diese Märkte vorher aber auch stärker gefallen waren und wesentlich volatiler als der Dow Jones ist. Der Dow Jones hat in diesem Jahr kaum an Wert verloren, die meisten anderen Weltbörsen sind wesentlich tiefer gefallen und aber folglich auch mehr Erholungspotential. Ich glaube mit einigen Schwankungen an eine fortgesetzte Kursrallye bis Mitte November, dann aber wieder an fallende Kurse, also nur an eine Bärmarktrallye.

Nach dem am kommenden Mittwoch verkündeten Maßnahmenbündel der EU könnten auch ohne den erhofften Befreiungsschlag die Kurse weiter anziehen, zumal die Berichtssaison in den USA bisher recht positiv verläuft. Der DAX machte am Freitag einen Freudensprung um 3,31% auf 5973 Indexpunkte und der Dow Jones um 2,31% auf 11.801 Indexpunkte. Damit hat der Dow Jones schon wieder die Chartausbruchlinie erreicht und im Jahresverlauf kaum an Wert verloren, während die meisten Weltbörsen, so auch der DAX und der RTS-Index, noch weit im Minus sind. Der RTS-Index stieg am Freitag um 2,37% auf 1456 Indexpunkte, womit sich fast alle Indizes durch den starken Freitag noch leicht im Plus aus der Woche verabschiedeten Auch Gold konnte um 1,7% auf 1640 USD/Unze und Silber sogar um 3,14% auf 31,25 USD/Unze zulegen. Es scheint jetzt so zu sein, dass bei einem schwachen Dollar alle Märkte – Aktien und Rohstoffe – steigen und umgekehrt. Der Euro stieg zum Dollar auf 1,38 EUR/USD.

RTS und DAX befinden sich nach der Korrektur wieder auf dem Niveau wie letzten Freitag. Wenn der DAX nachhaltig 6100 überschreitet, ist der Weg nach oben frei. Ich hatte Ihnen schon im letzten EAST STOCK TRENDS (www.eaststock.de) auf die Möglichkeit dieser fulminanten Herbstrallye aufmerksam gemacht.

Der Ölpreis konnte sich trotz des Tods von Gaddafi und der nun wohl schnelleren Produktionserholung in Libyen gut bei 109,7 USD/Barrel (Brent) bzw. 87 USD/Barrel (WTI) behaupten. Libyen produziert jetzt schon wieder 400.000 Barrel/Tag, wobei der normale Produktionslevel von 1,6 Mio. Barrel wohl schon im nächsten Jahr wieder erreicht wird. Der RTS-Index stieg in den letzte Wochen seit dem Tief von 1200 auf über 1450 Indexpunkte, mithin um 20%, so dass sich gestaffelte Abstauberlimits in den letzten 3 Wochen gelohnt hatten. Aber auch der russische Aktienmarkt wird fortan geprägt von dem Ausgang des EU-Streit-Gipfels.

Im meiner letzten Kolumne schieb ich noch, was ich hiermit wiederhole: „Die Börsen werden im Oktober, der als Crash-Monat verschrien ist, volatil und nervös auf jede bad und good news reagieren. Sie sind noch im Panik-Modus, aber aus Verkaufspanik kann auch durch Short-Covering Kaufpanik werden. Wie Sie sich jetzt verhalten sollen und auch welche Aktien in Osteuropa aussichtsreich sind, können Sie nachlesen, wenn Sie jetzt ein Probe Abo- des Börsenbriefes EAST STOCK TRNDS (3 Ausgaben per e-mail für nur 15 €) unter www.eaststock.de bestellen.“

TV+Radio-Hinweise. Die letzten TV- und Radio-Interviews von Andreas Männicke im September 2011 über die russische Rochade Putin/Medwedew in NTV/Telebörse und Deutsche Welle (auf Russisch) können Sie jetzt unter www.eastsstock.de, dort unter der Rubrik „Interviews“ runterladen.

Seminar-Veranstaltungs-Hinweise: Das nächste ESI-Ostbörsen-Seminar "Go East!" mit einem Russland-Special wird am 21. November 2011 um 18.00 Uhr in Frankfurt/M gleich nach dem EK-Forum stattfinden (Dauer 3-4 Stunden). Dort wird dann auch diskutiert, wie es mit dem Euro und der globalen Verschuldung weitergeht, wobei die Chancen an den Ostbörsen im Mittelpunkt stehen. Melden Sie sich jetzt an mit einem Frühbucherrabatt von 80 € anstelle von 100 € unter www.eaststock.de oder direkt bei der ESI GmbH, Jüthornstr. 88, 22043 Hamburg, Tel: 040/6570883, E-mail: info@eaststock.de an. Am 22. November 2011 wird sich die MAN Oil Group AG um 16.00 Uhr im Hotel Marriott in Frankfurt/M vorstellen. Moderiert wird die Veranstaltung von Andreas Männicke. Wer sich zu der kostenlosen Präsentation anmeldet, bekommt einen Preisnachlass beim ESI-Ostbörsen-Seminar von 50%.

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