Wall Street is not amused - und Davos gab keine Impulse!

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Samstag, 30. Januar 2010 21:37:00

Bei dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos waren diesmal die mahnenden Stimmen unüberhörbar in der Mehrzahl. Angefangen über die Kapitalismusschelte vom Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, über den Erzbischof Reinhard Marx, der das Buch „Kapital“ schrieb und neu definierte, bis zu dem Investmentguru George Soros gab es Statements, die in der Tat zum fortgesetzten Nachdenken anregen sollten. Nicht nur Erzbischof Marx ist der Auffassung, dass in den Chefetagen aus der Finanzkrise nichts gelernt wurde. Selbst der Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann regte mehr Mäßigung und Risikobewußtsein im Finanzsektor an, da die Übertreibungen und Eskapaden der Vergangenheit in Zukunft von der Bevölkerung nicht mehr geduldet werden.

Über die Aussichten der Weltwirtschaft war man sich uneins. Während viele Redner die zuletzt nach oben revidierte IWF-Prognose von 3,9% Wachstum beim Welt-BSP für realistisch hielten, gab es auch hier mahnende Stimmen. So glaubt der US-Star-Öknonom Nouriel Roubini an ein Nachlassen der Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte, nachdem die Mehrzahl der Konjunkturprogramme im ersten Halbjahr auslaufen. Auch Bundesbank-Chef Axel Weber war der Auffassung, dass wir uns noch nicht im Jahr „1 nach der Krise“, sondern im dritten Krisenjahr befinden. Das gute Schlussquartal und Lagerimpulse werden in jedem Fall zu guten BSP-Zahlen für das 4. Quartal 2009 sorgen.

Mich wundert es aber immer wieder, dass ein solche Präsenz von klugen, bedeutenden Leuten nicht in der Lage ist, etwas wirklich Bedeutendes in die richtige Richtung zu bewegen. Es geht dabei auch um Ethik in der Wirtschaft, Vertrauen in der Wirtschaft, soziale Verantwortung in der Wirtschaft und das nicht nur im eigenen Lande, sondern im Rahmen der Globalisierung. Der Geist von Davos ist offensichtlich in den Weingläsern verschwunden auch wenn es wie Bill Gates viele positive Vorbilder gibt, die auch in der Not geben, helfen und unterstützen können. Es fehlt aber noch an einer „Haiti-Solidarität“ bei den Global Playern im Großen wie im Kleinen. Die großen Dow und DAX-Werte sind alles Global Player und somit auch Vorreiter der Globalisierung, die nun in einer Sackgasse sind.

Es wurde damit insgesamt wieder einmal eine Chance verpasst, in wichtigen Phasen der Welt einen „Ruck“ zu geben. Dabei war die Idee von Davos, durch Gespräche Impulse für die Weltwirtschaft zu geben und auch – zumindest in Teilbereichen – die Welt zu verbessern. Die 2500 Elite-Teilnehmer, davon 30 Staatsschefs und 1400 Top-Manager, brachten jedenfalls keinen Paradigmawechsel zustande. Bei den meisten blieb alles beim Alten oder es war alter Wein in neuen Schläuchen. Immerhin ist und bleibt das Treffen der Welt-Elite in Davos die bedeutendste „Networking-Party“ der Welt mit einem Mini-Konjunkturprogramm für den Tourismus-Sektor in Davos. Ein Meeting-Room für einige Tage kostet in Davos 20.000 USD. Wenn dabei dann noch etwas herauskäme, wären solche Preise wohl noch zu rechtfertigen.

Aber wenn die Welt am Abgrund steht, sollte sie zusammenrücken. Was die Welt nicht gebrauchen kann ist eine Deflation, also ein zweites 1929, und auch keine Hyper-Inflation, weil es in beiden Fällen zu enormen Vermögensverlusten für Anleger und Wohlstandsverlusten für die Bevölkerung kommen wird. Ich erwarte aber keines dieser beiden Horror-Szenarien für dieses Jahr, wohl aber eine moderat ansteigende Inflation, wobei die EZB als erster darauf reagieren wird.

Auch die Rede von Obama zur “Lage der Nation“ hat zwar auch gegenüber dem Bankensektor die richtigen Akzente gesetzt, aber es scheint so, dass seine mahnenden Worte kein Gehör finden. Es wäre sicherlich ein Fehler, jetzt wieder gleich zum „Business as usual“ übergehen zu wollen, nachdem im letzten Jahr noch Szenarien von 1929 für möglich gehalten wurden. Welche Lektionen die Finanzwirtschaft gelernt hat, werden wir noch in diesem Jahr erleben. Auch die Boni-Diskussion ist anscheinend noch nicht vom Tisch. Goldman Sachs hat seine Boni in Aktien und nicht in Cash ausgezahlt und zum Teil auch auf Boni verzichtet, was ein Gewinnergebnis von 13 Mrd. USD für 2009 einbrachte. Die Investmentbanker in London überlegen jetzt auszuwandern, wenn die Boni tatsächlich mit 50% versteuert werden sollen, aber wohin? In die Schweiz oder nach Singapore? Ein Gerichtsurteil in der Schweiz verhindert bis jetzt den von den USA geforderten Datentransfer von Bankdaten der UBS in die USA, weil es sich um Steuerhinterziehung, aber nicht um Steuerbetrug – welch feinsinnige Unterscheidung – handelt. Man darf gespannt sein, wie die USA und die UBS selbst darauf reagieren werden.

In jedem Fall zeigte sich die Wall Street „not amused“ über das Ansinnen von Obama, die Großbanken zu trennen, die Boni zu beschränken und den Eigenhandel einzuschränken, denn hier entstehen immer noch die größten Gewinne bei Goldman Sachs, JP Morgan & Co.. Ich befürchte aber, dass es nur bei Obama-Visionen bleibt, die in den USA im Kongress und Senat nicht umsetzbar sind, denn Amerika wollte zwar den Wechsel einer „Bush-Regierung“, aber auch keine „Sozialisten“. So war die Wall Street letzte Woche erkennbar verschnupft. Auch am Freitag verlor der Dow Jones um 0,53 % auf 10.067 Indexpunkte und der S&P um 0,98% auf 1072 Indexpunkte. Trotz guter Zahlen von Technologie-Aktien und dem neuen iPod von Apple verlor auch die NASDAQ am Freitag 1,7% an Wert und schloss bei 1741 Indexpunkten. Alle genannten Indices befinden sich damit seit Jahresbeginn im Minus, von den Höchstkursen in der ersten guten Januarwoche korrigierten sie sogar fast 10%. Der Schwung zu Jahresbeginn ging also schnell verloren. In den USA gingen vergangene Woche 6 weitere Banken Pleite, so dass die Zahl der Bankenpleiten sich in den USA auf 15 erhöhte. Dies kostete dem US-Einlagensicherungsfonds weitere 4,2 Mrd. USD.

Die ausufernde Verschuldungen aller Industrienationen wird uns noch die nächsten Jahre beschäftigen. Gerade jetzt, wo es einen Konjunkturaufschwung wieder gibt, müssen Notfallpläne geschmiedet werden, falls der Konjunkturaufschwung ein vom Staat kreditfinanziertes „Strohfeuer“ war. Und hier ist nicht nur die Elite von Davos gefordert, dass aus einem staatlich kreditfinanzierten Aufschwung ein sich selbst tragender Aufschwung wird, ganz einfach, indem einer wieder dem anderen vertraut - und dies global und bilateral. Ist das eine naive Illusion?

Eine zweite Rezession in den Jahren 2011/12 wäre finanziell global kaum zu verkraften. Auf der anderen Seite müssen abgestimmte und koordinierte „Exitstrategien“ bei den Konjunkturprogrammen und Notenbanken, also der expansiven Finanz- und Geldpolitik erfolgen. Ich erkenne nirgendwo plausible Konzepte für den notwendigen Schuldenabbau in den nächsten Jahren. Alles beruht auf der Wachstums-Hoffnung, was eine gewisse Gefahr ist, falls das Wachstum nicht nachhaltig sein sollte. Die Finanzmärkte sind jetzt bei jedem Konjunktureinbruch sehr verwundbar - verwundbarer denn je. Von daher stimmen die mahnenden Stimmen von Soros, Roubini, Ackermann und Weber in Davos.

Die Notenbanken haben leider schon lange ihre Unabhängigkeit verloren und sind notgedrungen zu Instrumenten der vorherrschenden Politik geworden. Ben Bernanke wird in einer zweiten Amtsperiode weiterhin im Kreuzfeuer der Kritik stehen. Den Namen „Helikopter-Ben“ darf er in seiner zweiten Amtsperiode nicht behalten, da sonst eine Inflation droht. Schon jetzt gibt es eine Inflationierung der Bilanz der US-Notenbank durch Aufkäufe von US-Hypothekendarlehen und US-Staatsanleihen, also eine Inflationierung der „ungedeckten Schecks“. Damit macht die US-Notenbank die gleichen Fehler wie die Großbanken zuvor. Ich bin gespannt, wie das Experiment ausgeht.

Was wird aber passieren, wenn es in der zweiten Jahreshälfte inflationäre Tendenzen gibt? Wann wird das „quantitative easing“, also das Gelddrucken und die expansive Geldpolitik beendet und wie werden die Billionen still und lese wieder dem Geldkreislauf entzogen ohne dass die Konjunktur dadurch abgewürgt wird? Es wird wieder so werden wie es schon im letzten Jahr war: „Was man auch macht, man macht es falsch!“

Für Mark Faber, der Bernanke als einen „Gutenberg-Lehrling“ bezeichnet, der das Drucken (hier Gelddrucken) erfand, war schon in den Vorjahren die FED für die Entstehung von Bubbles durch die niedrigen Zinsen verantwortlich. Der US-Ökonom Taylor ist der gleichen Ansicht. Zudem haben die beiden halbstaatlichen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac allzu leichtfertig Kredite gegeben und es fehlte an effizienten Kontrollmechanismen. Die Folgewirkungen dieser Fehlentwicklungen sind sicherlich noch nicht behoben und sie wird uns noch in den nächsten Jahren beschäftigen. Der Aufschwung befindet sich noch in den Anfängen und ist noch eine sehr zarte Pflanze. Immerhin hat der IWF die Prognose für das Welt-BSP-Wachstum auf 3,7% angehoben, während die OECD noch vorsichtigere Prognosen hat. In Davos war man sich einig, dass die Krise noch nicht überwunden sei, was so mancher mittelständischer Betrieb bestimmt bestätigen kann. Ich glaube aber an einen zunächst deutlichen Aufschwung zumindest „auf dem Papier“ nach den BSP-Zahlen, der sich im Jahresverlauf abschwächen wird.

China hat sein Wachstum im letzten Jahr durch eine bis dahin noch nie dagewesene Kreditexpansion, die ein Viertel des BSP ausmachte, herbeigeführt; dennoch ist China vergleichsweise gering verschuldet und auch die Banken sind nicht so anfällig wie westliche Banken, da sie zuvor kaum strukturierte Produkte im Portfolio haben. China ist nicht nur der neue Exportweltmeister, sondern auch die Binnenkonjunktur wächst sehr stark, was wiederum auch Chancen für ausländische Produzenten bedeutet. Vor allem die schnell wachsende Mittelschicht wird zum wichtigsten Wachstumsmotor der Zukunft. So gibt es immer noch enorme Wachstumsraten in vielen Konsumsektoren, über Internet, Nahrung bis zum Auto. Ein Politikum bleibt die Aufwertung des Yuan bzw. des Renmimbi, die zwar von den USA immer wieder heftig gefordert wird und auch fundamental gerechtfertigt ist, aber wohl nicht umgesetzt wird, weil China lieber den Export stützen will.

Gespannt sein darf man, was China mit den 2,4 Billionen USD an (Rekord)Währungsreserven demnächst machen wird. Die Goldreserven wurden als Hedge zum Dollarebeneso wie in Russland aufgestockt. Wird aber China auch in Zukunft vorrangig in US-Anleihen bleiben? Dies ist eine existenzielle Frage für die USA mit einem (Rekord)Haushaltsbilanzdefizit von 1,8 Billionen USD, was in diesem Jahr auf 1,1 Billionen vermindert werden soll, was immer noch 6% des BSP ausmachen. Obamas angekündigte Sparpolitik ist wenig glaubwürdig, zumal der Rüstungsetat unangetastet bleiben soll. Im Grunde hat China schon jetzt die USA als einer der größten Gläubiger in der Hand. Die Nicht-Aufwertung des Yuan ist schon der erste Ansatz eines Handelskrieges. Weitere werden folgen. Es ist zwar weiterhin sehr schwer für ausländische Firmen, in China erfolgreich zu sein, dennoch wäre es ein Fehler, diesen Mega-Markt der Zukunft nicht zu betreten.

Dennoch besteht in China die Gefahr von stark nachgebenden Kursen, wenn die Politik Fehler machen sollte. Auch der Aufbau von Überkapazitäten könnte die Folge eines zu schnellen, kreditfinanzierten, ungebremsten Wachstums sein. Das Zurückführen von Krediten ist sicherlich jetzt eine präventiv sinnvolle Maßnahme. Man muss aber abwarten, wie stark China in diesem Jahr wachsen wird nach noch 10,7% im letzten Jahr. In Südkorea legte das BSP-Wachstum sogar um über 12% zu. Asien ist sicherlich jetzt die Wachstumshoffnung der ganzen Welt. Ein Wachstum von 6% würde in China schon eine „gefühlte Rezession“ sein. China ist und bleibt auch für die Rohstoffpreise, vor allem für Industriemetalle, der nachfragebedingte Preis-Treiber der Welt, obwohl China auch enorm sein Lager aufgebaut hat. Der Rohstoff-Spezialist Black Rock ist daher für Gold, Zink und Kupfer weiter bullish, für Aluminium und Nickel aber in diesem Jahr negativ gestimmt.

Der Investment-Guru Mark Faber hält eine scharfe Korrektur in China für möglich, zumal jetzt Überkapazitäten aufgebaut werden. Falls es aber zu einer scharfen Korrektur in China kommen sollte, werden auch andere Emerging Markets davon negativ betroffen sein. Mit einem KGV von 15 ist China aber längst nicht mehr so teuer wie Mitte 2008. Dafür könnte Japan in diesem Jahr wie schon Ende 2009 positiv überraschen. Der Nikkei-Index verlor am Freitag allerdings auch 2,08% an Wert und schloss bei 10.198 Indexpunkten.

Mit einem KGV von 20 sind amerikanische Aktien gegenüber europäischen Aktien mit einem KGV von 16 trotz der Korrektur immer noch überbewertet. Asiatische Aktien haben ein durchschnittliches KGV von 15-16, wobei vor allem japanische Aktien im historischen Vergleich niedrig bewertet sind. Auch osteuropäischen Aktien haben ein KGV von 13-14. Das ist weder besonders preiswert, noch besonders billig. Am preiswertesten unter den BRIC-Ländern sind immer noch russische Aktien. Wahre „Schnäppchen“ sind Mangelware und gehören wohl der Vergangenheit an. Dabei wird es jetzt ganz wesentlich darauf ankommen, wie hoch und vor allem wie nachhaltig das Wachstum in 2010/11 sein wird.

Sobald den Börsen durch steigende Zinsen Liquidität entzogen wird, kann es in Kombination zu einem empfindlichen Anleihencrash kommen. Im letzten Jahr floss das meiste Geld in den den USA in den Anleihen-Sektor und zwar 227 Mrd. USD in den ersten 9 Monaten 2009, während in den US-Aktiensektor nur 2 Mrd. USD flossen. Was wird aber passieren, wenn Kapital aus dem Anleihensektor abgezogen wird, wenn die Zinsen in den in den USA zu steigen beginnen? Ich wunder mich schon lange, wieso Asset Manager und auch Notenbank-Chefs sich mit einer Verzinsung von 2 bis 2,5% im Staatsanleihensektor begnügen und dabei als Ausländer auch erhebliche Währungsrisiken in Kauf. Immerhin stieg der Dollar in den letzten Tagen, womit zumindest kurzfristig Währungsgewinne für Ausländer entstanden. Zuletzt musst die USA wieder 187 Mrd. USD an Staatsanleihen platzieren, die bereitwillig von China& Co aufgenommen wurden.

Die notwendigen Exitstrategien aus der Verschuldungs-Orgie und Notenbankschwemme muss also koordiniert und abgestimmt erfolgen. Wenn hierin vor allem in den Hintertüren in Davos Übereinstimmung vorhanden ist, wäre dem angeschlagenen System schon viel geholfen. Aber das kapitalistische System kränkelt trotz des gegenwärtigen Aufschwungs. Es sind Schmerztabletten, die verabreicht wurden, aber das Krebsgeschwür „Verschuldung“ wuchert weiter und wird keinesfalls beseitigt. Zudem sollte noch mehr darüber laut nachgedacht werden, wie soziale und auch ökologische Verantwortung auf den Top-Managementebenen auch für die Nachfolgegeneration im globalen System verankert wird.

Auch hierfür sollte es Boni-Systeme geben, ebenso für die Schaffung von nachhaltigen Arbeitsplätzen. Auch hierüber sollten Aktionäre mehr nachdenken und nicht nur über den nächsten Quartalsgewinne und den steigenden Aktienkursen, wo der Verlust von Arbeitsplätzen an der Börse in der Regel bejubelt wird, weil dann die Kosten sinken und die Produktivität steigt - ein Fehler im System? Aktionäre könnten auf der Hauptversammlung neue Maßstäbe auch für Anreiz-Systeme schaffen. Davon ist aber selbst Davos weit entfernt. Man begnügt sich mit Allgemeinplätzen. Wegweisende Entscheidungen oder zumindest ein neuer Ehren-Kodex der Top-Manager sind von Davos auch in Zukunft aus nicht zu erwarten.

Ein Liquiditätsentzug der Notenbanken hätte jetzt die gleiche Wirkung wie bei einem Drogenabhängigen. Es darf nicht zu schnell gehen, aber auch nicht zu langsam. Dies sollte der Anleger für dieses Jahr schon mal im Hinterkopf haben und sich ebenfalls wie die Notenbanken flexible Exitstrategien im Falle eines Falles überlegen. Leider ist die Wirtschaft so aufgebaut, dass sie von weiteren Krediten abhängig ist. Kommen keine weiteren Kredite (Drogen), bricht das System wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wenn man Kredite vergibt, um Altkredite bedienen zu können, dann ist die Kreditpyramide wie ein Schneeballsystem, wo alle mitmachen müssen. Die Summe der ungedeckten Schecks nimmt zu. Griechenland ist ein weiteres Beispiel. Die 8 Mrd. € an Staatsanleihen konnte ohne Probleme mit einem Kupon von staatlichen zu 6,25% platziert werden; es wären sogar 25 Mrd. € möglich gewesen, was die griechische Regierung ermuntert, jetzt gleich eine zweite Anleihe hinterher zuschieben. In Deutschland bringen Bundesanleihen gerade einmal 2,25%, in Griechenland fast das Dreifache an Zinsen. Wer will da nicht zuschlagen, wobei auch hier die Gier wieder eine Rolle spielt.

Im Notfall sollen dann Deutschland und Frankreich Griechenland zur Seite stehen, falls keiner mehr die griechischen Anleihen haben will. Insgesamt muss Griechenland in diesem Jahr 50 Mrd. € platzieren. Dieses Roll-over der Kredite wird in diesem Jahr immer wieder für Spannung auch an den Aktienmärkten sorgen. Der zweite Zitterkandidat ist Argentinien und der dritte Venezuela. Der Zentralbank-Chef Argentiniens Redrado hat schon das Handtuch geworfen wegen des Streits um die Währungsreserven. Redorado wollte nicht die von der Regierung geforderten 6,6 Mrd. USD zur Begleichung der Finanzlöcher im argentinischen Haushalt herausrücken. Der Peso geriet bereits unter Druck, zumal die Kapitalflucht wieder zunimmt. Hier erwarte ich in den nächsten Monaten die nächste Finanzkrise von Bedeutung. Auch die Ukraine bleibt auf der Wacht-list für mögliche Defaults. Hier ist der IWF das Zünglein an der Waage. Am 7. Februar wird hier ein neuer Präsident gewählt, wobei Janukovic eindeutiger Favorit vor Tymochenko ist. Auch ihm muss es gelingen, den Haushalt zu konsolidieren. Auch auf den Bankensektor wird in diesem Jahr noch einiges Ungemach zu kommen, was immer wieder für Irritationen an den Aktienmärkten sorgen wird.

Die UBS trat wieder wegen des eigentlich schon vereinbarten Datentransfers von 4200 Kundendaten in die USA in den Mittelpunkt der Diskussion um Steueroasen, Steuerhinterziehung bis zu Steuerbetrug. Amtshilfe sei nur bei Steuerbetrug möglich und dies beschränke sich angeblich auf etwa 200 Fälle. Nach dem Urteil des Schweizer Bundesverwaltungsgerichts geht die Regierung in Bern wieder auf Konfrontationskurs mit den USA oder sie spielt zumindest auf Zeit. Die UBS-Kunden, die Steuern hinterzogen haben, sollen anonym bleiben. Auch dieses Thema wird uns weiter begleiten, wenn jetzt auch nicht mehr ganz so scharf geschossen wird wie im letzten Jahr. Angeblich hat Finanzminister Schäuble jetzt 1500 Daten von möglichen Steuerhinterziehern in der Schweiz gekauft; Zumindest wurden sie ihm angeboten, was sehr an den Fall Liechtenstein erinnert. Der Staat braucht dringend Geld und da ändern sich auch die Methoden der kriminellen Informationsbeschaffung.

Die Afghanistan-Konferenz in London wurde von der Börse kaum beachtet und zum Nebenschauplatz, was auch so bleiben wird, solange die Terroranschläge nicht in den USA oder Großbritannien, sondern in Irak und Afghanistan stattfinden. Die Aufstockung des Militärs aus Irak und Afghanistan war keine Überraschung. Der geplante Abzug in einigen Jahren auch nicht. Es hat sich seit 5 Jahren nicht viel verändert und es ist vergleichbar mit den Klima-Konferenzen und G20-Treffen: keiner hat den Mut, einen gewagten Schritt (oder gar Schnitt) zu machen.

Genauso wird es mit dem Abbau der Verschuldungs-Orgie. Aber keine Angst: der Markt wird es schonfrüher oder später „regeln“ und wenn es eben wieder ein Crash sein muss. Wichtiger waren vielleicht die Gespräche in den Hinterzimmern in Dubai, wo mit den Taliban direkt verhandelt wurde. Geboten wurden von den USA und Verbündeten angeblich 500 Mio. USD für abtrünnige Taliban, aber nicht alle Taliban und El Kaida-Netzwerke werden käuflich sein. Spannend wird es, was die USA in diesem Jahr mit dem Iran machen wird. Sicherlich wird uns von Zeit zu Zeit auch diese Thematik wieder beschäftigen, was aber nur temporären Charakter hat. Wichtiger sind die zukünftigen Unternehmensgewinne für die Börse.

Die Unternehmen machen sich weiter schlank und einige werden in der Tat aus der Krise gestärkt hervorgehen. Warren Buffet erhöhte seinen Anteil an Munich Re, was den deutschen Aktienmarkt aufwertet, der aber ohnehin schon lange mehrheitlich in der Hand von ausländischen Investoren ist. Buffet rundet damit sein Rückversicherungs-Portfolio ab, denn schon zuvor war er bei General Re (USA, mit 22 Mrd. USD, hier zu 100%!), Swiss Re (Schweiz, mit 2,6 Mrd. USD=23%) und der Kölnischen Rückversicherung (mit 657 Mio USDD =88%) beteiligt. Zudem beteiligte er sich vorher er bei Goldman Sachs (mit 5 Mrd. USD=9,94%), General Electric und der Eisenbahngesellschaft Burlington Nothern Santa Fe (mit 35 Mrd. USD, hier auch zu 100%). Da wird seine Alt-Beteiligung an Coca Cola mit 1,1 Mrd. USD fast schon unbedeutend. Der viel umjubelte und meistbewunderte Börsen-Star Buffet erzielte mit seinem Fonds Berkshire Hatheway in 2009 zwar nur eine Performance von 2,9%, aber für Buffet zählt nur die langfristige, nachhaltige Performance. Für mich ist und bleibt er ein Vorbild, da ein kein Spekulant und erst recht keine Heuschrecke, sondern ein Investor der alten Schule ist.

Die DAX-Unternehmen wollen dieses Jahr 23 Mrd. € einsparen, um sich fit für den globalen Wettbewerb zu machen. Insofern erwarte ich weiterhin überwiegend positive Unternehmensergebnisse, aber noch keine Entwarnung am Arbeitsmarkt. Ähnlich wird es dieses Jahr in den USA aussehen. Es gingen durch die Krise bis jetzt schon 7 Mio. Arbeitsplätze verloren und die Arbeitslosenquote ist mit 10% immer noch einer der höchsten in der Nachkriegszeit. Dennoch wird es überwiegend gute Unternehmensergebnisse zum Vorjahr geben. Vor allem Technologieaktien werden gut abschneiden. IBM, Intel, Apple und Microsoft überzeugten alle schon mit sehr guten Quartalsergebnissen im Mrd-Bereich, wo der Turn around deutlich erkennbar ist. Pharmawerte, Versorger und Telekomaktien überzeugen durch hohe Dividendenrenditen. Bei vielen Rohstoffunternehmen ist der Umsatz und Gewinn deutlich niedriger als 2007/2008, aber im Bergriff zu steigen, nachdem er sich im letzten Jahr halbiert hat.

Ich empfehle weiterhin nach Abschluss der Korrektur auf Emerging-Market-Aktien zu setzen, weil dort das Hauptwachstum bei oft niedriger Verschuldung anzutreffen ist. Fast alle Weltbörsen-Indices befinden sich mittlerweile im Minus, so dass die Börsenentwicklung bis jetzt ähnlich wie im Vorjahr verläuft, nur nicht ganz so volatil. Erst top, dann Flop, dann hoffentlich wieder top. Immerhin befindet sich der russische RTS-Index noch knapp im Plus und die Prager Börse ist mit einem Plus von 6% im Moment sogar zusammen mit Ägypten (+7%) einer der Spitzenreiter unter den Weltbörsen. Da der S&P unter 1080 Indexpunkte gefallen ist, ist auch die Wall Street weiterhin im kurzfristigen Abwärtstrend, der sich noch verstärken wird, wenn der S&P nachhaltig unter 1060 Indexpunkte oder der Dow Jones unter 10.000 Indexpunkte fallen sollte. Dann wird es sicherlich immer wieder kleine Rebound-Versuche geben, so wie auch beim DAX am Freitag, der noch mit einem Plus von 1,24% bei 5608 Indexpunkten schloss. Dennoch glaube ich an fortgesetzte Korrekturen in der nächsten Woche. Gold dürfte weiter fallen, wenn Gold unter 1070 USD/Unzen notieren sollte.

Die Haussetrends von März wurden jetzt reihenweise verlassen, was immer eine relativ starke Reaktion nach unten schon durch Gewinnmitnahmen und Stopp-loss-Order auslöst. Das ist ganz normal und war vorhersehbar. Es ist jedenfalls nicht besorgniserregend, solange die Advanced/Decline-Linie noch steigt, was der Fall ist. Die Chancen bei einem Neueinstieg werden damit später größer. Die Emerging Markets werden sich diesem Korrektur-Sog nicht entziehen können. Langfristig ist aber der geringe Verschuldungsgrad der Emerging Markets in Verbindung mit dem höheren Wachstum ein strategischer Wettbewerbs-Vorteil, den auch Anleger sehen sollten. Die Abkoppelungs-Theorie von Emerging Markets aufgrund der geringen Verschuldung und des höheren Wachstums wurde auch auf der Euromoney-Konferenz in Wien thematisiert.

Blicken auch Sie daher mehr über den Tellerrand! Denn nach der Korrektur werden die Erholungschancen hernach wesentlich größer in Emerging Marktes – auch im Emerging Europe - sein als an den etablierten westlichen Weltbörsen. Bei dem Fondskongress am 26/27. Janaur in Mannheim, der gut besucht und überwiegend auch von den Referenten von Optimismus geprägt war, wurde Osteuropa kaum diskutiert; es wird daher auch nicht als Chance für Finanzberater wahrgenommen, obwohl die Moskauer Börse mit einem Plus von über 120% in 2009 überzeugte und auch in diesem Jahr bisher outperformte. Gerade, weil jetzt Osteuropa kaum beachtet wird, setze ich weiter auf Osteuropa. Mein Motto bleibt daher: „Go East – but watch also always the Wall Street!“

Die Markttechnik ist in solchen Phasen von besonderer Bedeutung. In den letzten beiden Wochen sind jetzt in viele Bereichen durch fallende Kurse die Haussetrends seit März 2009 gebrochen, was ein markanter Trendbruch ist. Dies begann schon bei Dollar zu Euro bei 1,48 bis auf 1,39, dann folgte der DAX von 5800 auf 5600, dann S&P, Dow und andere Weltbörsen-Indices – aber noch nicht alle. Bei 1,38 bis 1,40 gibt es nun eine starke Unterstützungszone für den Dollar. Der Dollar wird auch allen Unkrenrufen zum Trotz die Weltreservenwährung bleiben. Ich glaube weiter an einen starken Dollar und damit auch an einen globalen Konjunkturaufschwung, denn ein starker Dollar geht oft mit einem globalem Konjunkturaufschwung einher und umgekehrt. Damit glaube ich aber auch an eine fortgesetzte Korrektur an den Weltbörsen und an den Rohstoffmärkten.

Auch Kupfer ist jetzt charttechnisch nach aus dem März-Haussetrend unten ausgebrochen. Die logische Folge ist dann aber ein starker Abgabedruck an wenigen Tagen. Solche Korrekturen sind aber ganz normal, die die Kurse können nicht one way im gleichen Tempo weiter steigen. Crashartige Szenarien kommen im Moment nicht in Betracht, dafür aber nach Rebounds, also der Versuch wieder in den alten Haussetrend zu kommen, eine A-B-C- Korrektur. Von daher sollten Anleger unter dem Januar-Tief knappe Stopp-loss Marken setzen, um danach der zweiten Korrekturwelle wieder einsteigen zu können. Der DAX könnte in einem solchen Szenario bis auf 5300 fallen, sobald der DAX unter 5500 Indexpunkte fallen sollte. In diesem Fall lohnen sich auch zum Absichern bestehender Long-Positionen (auch an den Ostbörsen) DAX-Puts. Ich empfehle daher weiterhin das temporäre Cross-Hedging über Short-Positionen beim DAX oder S&P. Der RTS-Index schloss am Freitag mit einem leichten Plus von 0,8% bei 1473 Indexpunkten. Die Moskauer Börse bleibt damit bis jetzt relativer Outperformer unter den Weltbörsen. Aber auch hier erwarte ich erhöhte „Vola“ und fortgesetzte Korrekturen, zumal der Ölpreis auf 73 USD/Barrel fiel. Der Dollar dürfte zum Euro weiter steigen, zumal wenn der Euro auf unter 1,38 zum Dollar fällt.

Nach der Korrekturphase, die noch nicht beendet ist, bestehen aber wieder gute Einstiegschancen. Verpassen Sie die Outperformancechancen in Osteuropa nicht und bestellen jetzt ein Probe-Abo des monatlich erscheinenden Börsenbriefes EAST STOCK TRENDS unter www.eaststock.de. Im neuen EAST STOCK TRENDS können Sie auch mehr über das IPO des weltgrößten Aluminium-Konzerns RuSal am 27. Januar an der Hongkonger und Pariser Börse nachlesen. Welche Aktien aus Osteuropa jetzt im Trading-Bereich ge- oder verkauft werden sollten, können Sie auf der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min) entnehmen.

TV-Hinweise: Andreas Männicke wurde am 26. Januar 2010 im DAF (www.anleger-fernsehen.de) über den russischen Aktienmarkt befragt. Sie können das Interview jetzt im ESI-Archiv unter www.eaststock.de abrufen. Andreas Männicke wird zudem am 2. Februar 2010 um 14.45 Uhr in N-TV/Telebörse (www.n.tv.de, www.teleboerse.de) über Russland und am 8. Februar 2010 um 11.45 Uhr über die Ukraine befragt.

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