Vorprogrammiertes Sommertheater (nicht nur) wegen der „PIGSIF-Risiken“

Drucken Speichern

Freitag, 20. Mai 2011 21:29:00

Nun hat sie uns alle wieder erfasst: die Griechenland-Krise zieht die Weltbörsen in den Bann, weil alle Angst vor einem Domino-Effekt und Flächenbrand haben. Genau an dem Tag, wo Portugal weitere Kredite im Volumen von 78 Mrd € zugesagt wurden, um einen Default zu vermeiden, kommt nun wieder Griechenland mit weiteren Zahlungsforderungen an die EU. Die Rettungsschirme werden „auf dem Papier“ immer größer, dahinter stecken aber auch immer mehr Zahlungsverpflichtungen der Kreditnehmer, denn die Zinsen sind über dem EU-Durchschnittsniveau. Kann sowas gut gehen und wenn nein, wie endet das dann? Ob der Euro gerettet werden kann, ist unklar. In jedem Fall wird Deutschland der Zahlmeister für Europa bleiben.

Neben den „PIGS“ machen aber auch andere Länder in der EU Sorgen, was die Konsolidierung der Staatsfinanzen angeht. So sprechen ich schon lange von den „PIGSI“, nicht um das Problem zu verniedlichen, sondern weil für mich Italien als Sorgenkind auch dazugehört. Aber auch Belgien und Frankreich haben so ihre Probleme, die Haushalte zu konsolidieren und dabei auch Wachstum zu genieren. Aus den PIGS werden also schnell „PIGSIF“ oder „PIGSIB“. Zu allem Überfluss stieg auch die Inflationsrate im Euroraum, was die EZB zu einer Zinserhöhung im Sommer (im Juni) zwingen wird.

Nur Deutschland gelingt die Verminderung des Haushaltsbilanzdefizits im Moment fast vorbildlich, nur profitiert Deutschland wie kein anderen Land von einer stabilen EU einerseits (über 50% der Exporte gehen in die EU) und dem stabilen Wachstum in den Emerging Markets, vor allem in China, anderseits. Es gibt aber trotz Maastricht-Kriterien keine stabilen oder gar einheitliche EU-Haushalts-, Finanz- und Sozialpolitik. Jeder macht, was er will. Zudem hat es die EU damals versäumt, wirksame Strafen einzuführen, falls die EU-Maastricht-Kriterien dauerhaft nicht erfüllt werden. So hätte man einen Ausschluss aus der EWU bei dauerhaft chronischen Defiziten und Beanspruchen der Solidargemeinschaft schon lange beschließen können. Dann wären Griechen und auch andere Wackelkandidaten schon lange nicht mehr in der EWU, auch Belgien und Italien nicht. So etwas war aber wohl gerade deswegen nicht durchsetzbar.

Die EZB droht jetzt damit, keine Griechenlandanleihen mehr aufzukaufen und stellt sich damit gegen die Beschlüsse der EU-Finanzminister. Auch Norwegen lehnt jetzt eine Griechenlandhilfe ab und will keine Anliehen mehr aufkaufen. Die Situation könnte schnell in den nächsten Tagen eskalieren.

Aber auch ein jetzt wieder heftig diskutierter Ausschluss Griechenlands aus der EWU hat gravierende Nachteile. Zu einem würden griechische Banken dann reihenweise Pleite gehen und dabei aber auch andere europäische Banken in Mitleidenschaft ziehen; zudem könnte es zu einem gefährlichen Dominoeffekt bei den „PIGSI“ oder den „PIGSIF“ (mit Frankreich im Boot) kommen, denn insbesondere französische Banken sind in Südosteuropa sehr stark bei Staatsanleihen engagiert. Es gibt also keinen Königsweg bei der Euro-Rettung und erst recht nicht bei der Griechenland-Rettung. Fakt ist, dass Griechenland pleite ist, nur wer muss nun die Zeche zahlen?

Die südeuropäischen Länder sollen also sparen und ihre Haushalt konsolidieren, nur wie? Von Griechenland wird eine umfassende Privatsierung im Volumen von 50 Mrd € gefordert, die aber nur sehr zögerlich vorankommt. Privatisierung bedeutet aber (meistens) auch Erhöhung der Arbeitslosigkeit und davor haben die Betroffenen berechtigterweise Angst. Sie werden wieder auf die Straße gehen und streiken. So kann die Binnenkonjunktur unmöglich in Schwung kommen. Griechenland befindet sich in Rezession und da ist eine Sparpolitik kontraproduktiv.

Übrigens befindet sich auch Japan jetztnach dem verheerenden Erdbeben und dem Super-Gau in einer Rezession: das BSP sank im 1Q11 um 0,9%., was etwa minus 3,6% im Jahr ausmacht. Japan hat aber einen starken Export und kann das wieder aufholen. Nur Griechenland sicherlich nicht. Griechenland braucht jetzt einen „geordneten Insolvenzplan“, wozu am Anfang auch einen Umschuldung gehört. Darauf sollten sich alle europäischen Banken – und auch die Anleger - einstellen. Es wird wohl früher oder später zu einem Cut kommen, es ist nur die Frage wie dieser konzipiert ist und wie hoch er ausfällt. Griechenland hat Schulden von über 300 Mrd €, was 190% des BSP ausmachen. Das kann niemals in Zukunft zurückgezahlt werden. Das Haushaltsbilanzdefizit beträgt nach wie vor über 10% des BSP. Jede Rezession erhöht aber trotz aller Sparmaßnahmen das Defizit – ein Teufelskreis. In der Light-Version wäre das dann eine Streckung der Anleihenlaufzeiten und eine Verringerung der Zinsen, in der notwendigen Version aber ein Schuldenerlass (von über 50%?).

Der IWF wird – auch ohne Strauß-Kahn an der Spitze - bei den notwendigen Umschuldungsmaßnahmen Griechenlands ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Die Griechenland-Rettung wird in der Summe wohl einen Betrag von etwa 200 Mrd € ausmachen. Der IWF sucht nun nach einem neuen Chef, nachdem der ehemalige IFW-Chef Strauß-Kahn wegen einer dubiosen Sexaffäre aus dem New Yorker Gefängnis heraus seinen Rücktritt erklärt hat. Er ist jetzt aber gegen eine Kaution von 1 Mio. USD in bar und 5 Mio. USD als Sicherheit mit einer Fußfessel in einem New Yorker Apartment. Der neue IWF Wunschkandidat ist ein Europäer, um auch die Euro-Krise in den Griff zu bekommen. Dabei steht auch die Zukunft des Euros auf dem Spiel, was viel ökonomischen Sachverstand und politisches Fingerspitzengefühl erfordert.

Da mögen die mahnenden Worte von Angela Merkel, dass Griechenland das Rentenalter nicht verkürzen, sondern verlängern sollte und Griechenland auch einige Urlaubstage streichen sollte, zwar in gewisser Weise im Grundsatz berechtigt sein; sie gießen aber jetzt eher Öl ins Feuer und es ist auch nicht sinnvoll, gerade jetzt als Schullehrer in der Eurozone aufzutreten, wo alle die gleichen Sorgen plagen. Schließlich war das Defizit ab dem Jahr 2008 auch eine Folge der globalen bzw. im Ursprung amerikanischen Bankenkrise, worunter nicht nur Griechenland, sondern alle „PIGS“-Länder nun besonders leiden. In diesen „PIGS“-Ländern kann es jederzeit auch zu gewaltsamen Demonstrationen und damit zu einer Destabilisierung kommen, die alle Sparpläne zunichtemacht. Auch in Spanien wird kräftig – auch verboten – gegen das Sparprogramm der Regierungen demonstriert. Dort beträgt de Jugendarbeitslosigkeit über 40% und dies ist für die Zukunft sehr gefährlich.

Es wird aber auch in anderen Ländern zu drastischen Sparmaßnamen und auch zu einer Erhöhung der Steuern kommen. In Frankreich werden jetzt die Immobilien (Mieterträge) bei Ausländern zusätzlich mit 20% besteuert, was auch sowas wie eine Ausländerdiskriminierung ist. Italien und Frankreich streiten um das „Wegerecht“ von Tunesien-Flüchtigen (=Wirtschaftsflüchtigen, keine Asylanten). Dänemark will die Grenzkontrollen wieder einführen. Wohin strebt das (nicht mehr so) „Vereinte Europa“? Fällt es demnächst auseinander? Und wie lange hält der Euro die zusätzlichen Belastungen noch aus? Ich befürchte im Sog der Euro-Spannungen weitere nationalistische Verhaltensweisen von Regierungen, die früher oder später auch den Euro sprengen können. Man blicke jetzt nur auf Finnland und Dänemark, dann weiß man schon, was uns in Zukunft zu erwarten hat – trotz aller Harmoniebeteuerungen der EU-Politiker.

Die treibenden Kräfte der EU und EWU waren immer Deutschland und Frankreich, aber auch hier gibt es keine Einigkeit mehr (zumindest nicht hinter den Kulissen). In der EU ist als so einiges an Sommertheater zu erwarten, was die sensiblen Börsen antizipieren. Aber auch wenn wir über den Teich schauen, sieht es nicht rosig aus. Japan wird alle Mühe haben, aus der Rezession herauszukommen und vor allen den Haushalt zu konsolidieren, denn die Folgewirkungen des Erdbebens sind noch nicht ausgestanden. In Deutschland drohen weitere Krankenkassen pleite zu gehen. Die City BKK machte den Anfang mit 170.000 Mitgliedern.

Aber auch die USA werden Schwierigkeiten haben, den Haushalt zu konsolidieren und das Wachstum beizubehalten. Texas und Kalifornien sind faktisch pleite und die sind vom BSP her wesentlich größer als Griechenland. Es wird Obama schwer fallen, das angekündete Sparprogramm im Volumen von 4 Billionen USD in den nächsten Jahren umzusetzen. Zunächst haben die USA jetzt erst einmal die 14,3 Billionen USD-Schuldengrenze überschritten. Am 30. Juni läuft das QE2 aus. Wer wird dann amerikanischen Anleihen kaufen und wer wird auch amerikanisch Kommunalanleihen kaufen, die auch Default gehen könnten? PIMCO hat sich jedenfalls schon von amerikanischen Anleihen verabschiedet und ist dort sogar short gegangen. Wenn es hier einmal einen Käuferstreik gibt, dann werden die Folgewirkungen wesentlich schlimmer sein als nach dem Lehmann-Crash. Dies ist sich bisher den wenigsten bewusst. Auch deswegen war Gold und Silber zuvor bis zum Silber-Crash am 5. Mai so stark gestiegen. Daher sind schon einige Gewitter oder auch Tornados im Sommer erkennbar. Ein bereinigendes Gewitter wird es im Sommer aber wohl noch nicht geben, denn das würde einen Aktien-Crash bedeuten. Es wird zunächst weiter auf Zeit gespielt – überall.

Da die Börse immer in die Zukunft schaut, nimmt sie auch dieses Thema auf und reagiert zunächst mit Kurskorrekturen. Der Bund-Future ging fester und stieg auf 125 wegen der Unsicherheiten bei der europäischen Schuldenkrise, Der DAX ging am Freitagnachmittag wieder in die Knie und schloss mit einem Minus von 1,24% bei 7266 Indexpunkten. Der Euro gab zum Dollar aber nur leicht nach und war zuletzt bei 1,42 EUR/USD. Gold stieg wieder auf über 1500 USD/Unze, obwohl George Soros seine Goldbestände großvolumig verkaufte. Die Notenbanken waren die dankbaren Abnehmer.

Der DAX kämpft weiter mit der Überwindung der wichtigen 7400-er Marke und der Dow Jones Industrial Index mit der Überwindung der 12.700-er Marke. Ich erwarte weiterhin volatile Seitwärtsbewegungen. Aufgrund der niedrigen Zinsen und reichlich vorhanden Liquidität (Stichwort QE2) sowie dem allgemeinen Anlagenotstand kann es an der Börse immer wieder selektiv zu Übertreibungen kommen, wie auch bis zum 5. Mai beim Silberpreis.

In den USA wurde am 19. Mai das Soziale Netzwerk Linkedin an der New Yorker Börse mit großem Erfolg eingeführt. Der Zuteilungskurt war zunächst bei 32 bis 35 USD geplant, dann auf 42 bis 45 USD angehoben bei 45 USD; der erste Kurs lag dann bei 110 USD, was ich für eine starke Übertreibung, kurz einen „Bubble“ halte. Zur Zeichnung wurden nur 8 Mio. Aktien zugelassen, so dass eine Überzeichnung vorprogrammiert war. Die Bewertung von 8 Mrd. USD ist für mich aber nicht nachvollziehbar, da der Gewinn im letzten Jahr nur bei 15 Mio. USD lag und das KGV damit bei über 500. Greenspan nannte so etwas „irrationale Übertreibungen“. Auch die Übernahme von Skype durch Microsoft für über 5 Mrd € halte ich für überteuert. Alles dies erinnert schon wieder an die Neuen Markt-Zeiten.

Der Umsatz von Linkedin soll sich zwar in diesem Jahr verdoppeln, aber das rechtfertigt nicht eine so hohe Bewertung. Aber auch der Rohstoffhändler Glencore wurde bei einem IPO-Ausgabepreis von 520 Pence mit 36 Mrd. Pfund hoch bewertet. Eingenommen wurden durch das IPO am 20. Mai an der Londoner Börse 7 Mrd €. Hier stecken aber immerhin 140 Mrd USD an Umsatz und eine Beteiligung an Xstrata dahinter und das ist keine „Schweizer Bergluft“. Xstrata ist mit einer Marktkapitalsierung von 40 Mrd € bei einem Umsatz von 22 Mrd € moderat bewertet. Der operative Gewinn stieg im letzten Jahr auf 7,7 Mrd USD. Aber auch Xstrata hat ihren Sitz aus steuerlichen Gründen in Zug. Der Eröffnungskurs von Glencore lag bei 540 Pense (6,3 €) und fiel dann im Tagesverlauf um 1,13% auf 524 Pence (6,05 €), also nicht so ein furioser Start wie bei Linkedin.

Man darf jetzt auf das IPO von Facebook gespannt sein, wo sich der nächste „Bubble“ bzw. Mondpreis andeutet. Bubbles gibt es durch Finanzspekulation zum Teil auch im Rohstoffsektor. Hier hätten die G20 schon längst die Möglichkeit, einen Riegel vorzuspannen, denn zu Rohstoffpreise bringen durch Lebensmittelinflation Hunger und Elend in der Dritten Welt. Ich verstehe nicht, dass die Amerikaner und Briten hier nicht mitmachen wollen, die Finanzspekulation bei Rohstoffen zu unterbinden. Die Anhebung von Margin-Erfordernissen wie zuletzt beim Silberpreis, die alle Rohstoffe am 5. Mai um etwa 10% purzeln ließ, reicht dafür nicht aus. Ein Drittel aller Lebensmittel werden in Deutschland weggeschmissen, was 330 € im Jahr pro Person ausmachen. Wir leben hier hier zum großen Teil in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. In der Dritten Welt wird gehungert. Wie lange kann sowas gutgehen?

Von den hohen Rohstoffpreisen ist im besonderen Masse Russland abhängig. Die Moskauer Börse korrigierte seit dem 5. Mai scharf, was ich aber noch als gesunde Korrektur bezeichne, zumal der Brentölpreis auch am 5. Mai von 120 auf 106 USD/Barrel einbrach, um sich jetzt wieder auf 112 USD/Barrel zu erholen. Der RTS–Index fiel von über 2000 auf 1820 Indexpunkte im Tief, konnte sich jetzt aber wieder auf 1860 Indexpunkte leicht zu erholen. A, Freitag schloss der RTS-Index schon wieder mit einem Minus von 1,82% bei 1825 Indexpunkte. Ich rechne auch hier weiterhin mit volatilen Seitwärtsbewegungen.

Die Bewertungen sind in Russland - ganz anders als die Luftnummer Linkedin - vor allem im Energiesektor mit einem Durchschnitts-KGV von 6-7 nach wie vor sehr günstig. Insofern bestehen nach der scharfen Korrektur auch wieder gute Einstiegschancen an der Moskauer Börse, wobei die Performance wiederum von dem Risikoappetit der ausländischen Investoren abhängt.

Sehr gute Chancen gibt es jetzt auch in der Region Südosteuropa, wie auch der Fondsmanager des Balkan Fonds Joachim Waltl beim letzten ESI-Ostbörsen-Seminar am 12. Mai in Frankfurt/M durch eine Reihe von Beispielen unterbewerteter Aktien glaubhaft machte. Der treffsichere ESI-Seminar-Indikator steht hier auf „buy“, denn in Südosteuropa gibt es eher irrationale Untertreibungen - ganz im Gegensatz zu Linkedin.

Mein Motto bleibt daher gerade jetzt: Go east!“. Nachzulesen sind die neuen Chancen auch im aktuellen EAST STOCK TRENDS (EST). Bestellen Sie daher jetzt ein Probe-Abos des EST (3 Ausgaben per e-mail zu 15 €) unter www.eaststock.de.

TV-Hinweise: Andreas Männicke wurde am 19. Mai 2011 um 15.30 Uhr in NTV/Telebörse über die Aussichten der Moskauer Börse und den Ölpreis befragt. Sie können das Interview jetzt unter www.eaststock.de, dort unter der Rubrik „Interviews“ runterladen. Das nächste TV-Interview ist am 27. Mai 2011 im DAF über Gazprom.

Anzeige
 

Newsletter

Newsletter

Jetzt kostenlos anmelden und von Andreas' Männicke Wissen profitieren! weiter

Termine

15.01.2018
Männicke im Intreview in Börsen Radio Networks

Archiv

05.11.17 Alles auf Allzeit-Hoch - und nun?
01.10.17 Wall Street auf neuem Allzeit-Hoch, aber bekommen wir im Oktober einen Crash?
27.09.17 Jetzt wird es immer bunter
10.08.17 Trump gegen Kim – gibt es nun einen (Atom-)Krieg?
31.07.17 Automobilbranche in der Vertrauenskrise – wo bleibt die Moral der Manager?

Weitere Artikel im Archiv

Hotline

Tel.: 0900 - 1-86 14 001
(€1,86/Min aus dem Netz der DT AG, Anrufe aus dem Mobilfunknetz können abweichen)