Verpufft das US-Rettungsprogramm?

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Samstag, 04. Oktober 2008 13:31:00

Haben Sie auch Angst um Ihr Geld? Nachdem die Pleitewelle im Bankensektor auch die HYPO Real Estate, also die drittgrößte Hypothekenbank Europas, erreicht hat, fragen sich viele Menschen besorgt in Deutschland, ob ihr Geld bei ihrer Bank überhaupt noch sicher ist. Die Hypo Real Estate wurde zwar mit Mühe und Not im zweiten Anlauf am Freitag gerettet, was schon fast zu einer Kursverdoppelung seit dem Tief von 3,5 € geführt hat; diese Rettungsaktion kam aber nur dadurch in trockene Tücher, weil die Versicherungen in letzter Minute sich an der Rettungsaktion beteiligten.

Eine Bürgschaft des Staates von 35 Mrd. € hat es in der Nachkriegszeit noch nie in Deutschland gegeben. Auch die EZB pumpte am Freitag noch einmal 50 Mrd. € in den Markt, um für Liquidität zu sorgen. Diese Rettungsaktionen sind jetzt in der ganzen Welt zu beobachten: die russische Regierung gab der VEB Bank (Außenhandelsbank) ebenfalls 50 Mrd. USD in die Hand, damit die russischen Banken ihren Zahlungsverpflichtungen im Ausland nachkommen und einen „Default“ vermeiden können. Es brennt also nach wie vor lichterloh in der Welt und alle Notenbanken der Welt pumpen im Moment Geld in den Markt, um einen weltweiten Finanzkollaps zu vermeiden.

Die größte Rettungsaktion überhaupt ist aber das von Bush vorgeschlagene 700 Mrd. USD Rettungspaket der amerikanischen Regierung, das am Freitag vom US-Repräsentantenhaus verabschiedet wurde. Es bleiben aber noch viel Fragen offen wie zu welchen Konditionen die amerikanische Regierung die bis dato fast wertlosen bzw. illiquiden „Ramschpapiere“ aufkaufen will. Angeblich sollen Auktionen stattfinden, wo die Banken ihre Ramschpapiere anbieten. Es ist fraglich, ob damit Bankinsolvenzen in Zukunft vermieden werden können. Zudem wäre eine Kapitalspritze im Volumen von 700 Mrd. USD wesentlich wirkungsvoller gewesen, da viele Banken immer noch in Relation zu den risikoreichen Anlagen unterkapitalisiert sind. Es ist nämlich so, dass viele Vorstände und schon gar nicht die Aufsichtsräte einen Überblick über außerbilanzielle Zweckgesellschaften, den off shore-Gesellschaften auf de Bahamas &Co und anderen Steueroasen, haben. Die „Monster“ im Bereich der Finanzderivate sind vielfach zu groß und undurchschaubar geworden. Es schwirren in der Welt Billionen USD von Forderungen umher, wo nicht klar ist, ob es dafür einen Rückzahlungs- bzw. Refinanzierungsmöglichkeiten gibt bzw. ob die Kreditversicherungen ausreichen, um den Schaden zu begrenzen. Es sind in der Tat um mit Bundespräsidenten Köhler und Investmentlegende Buffet zu sprechen „Monster“ und „Massenvernichtungswaffen“ im Finanzderivatebereich entstanden, die keiner außer den Initiatoren mehr versteht und die Dimensionen erreicht haben, die das Welt-Finanzsystem zum Kollaps bringen können. Jetzt ist überall sogar in den USA der Ruf nach mehr Transparenz und Kontrolle groß. Er kommt nur etwas spät, hoffentlich nicht zu spät!

Es gibt Experten, die ausrechnen, dass mindestens 2,5 Billionen USD, wenn nicht sogar 5 Billionen USD notwendig sind, um wirklich wieder Vertrauen ins Bankensystem weltweit zu bringen und alle großen Schieflagen bei den „Asset Backed Securities“ (ABS) aufzufangen. Das große Problem sind weiterhin die Kreditderivate und gehebelten Produkte und deren Versicherungen. Der Deutsche Bank AG-Chef Josef Ackermann fordert nun, dass sich Europa ein ähnliches Rettungspaket einfallen lässt, was nur zeigt wie dramatisch die Situation immer noch ist. Dabei hielt er die Krise im Frühjahr schon für „abgehakt“. Bankvorständen kann man bei ihren Aussagen wahrlich nicht mehr trauen, wenn es Liquiditätsfragen und Krisenanfälligkeit der eigenen Bank geht. Der französische Präsident Sarkozy hat daher auch vorgeschlagen, dass jeder europäische Staat 3% des BSP für eine Rettungsaktion zur Verfügung stellen soll, um den Mega-Gau, also die Kernschmelze in Finanzsystem zu verhindern. Angela Merkel ist jedoch dagegen und will van Fall zu Fall länderindividuellen Problemlösungen vorschlagen.

Das große Problem ist das „Counterpart Risk“, also das Risiko der Gegenpartei von Krediten/Anleihen. Wenn eine Großbank Pleite geht, schleppt sie gleich einen ganzen Rattenschwanz von Banken mit sich, die in schwere Liquiditäts-Schieflagen kommen können. Für viele Banken besteht jetzt das Problem der Refinanzierung und Anschlussfinanzierung von Anleihen und Kreditderivaten. Für Unternehmen besteht das Problem einer möglichen Kreditklemme, die die Weltwirtschaft erlahmen lässt. Und dann geht es in „Eingemachte“ wie Konsumentenkredite und Unternehmenskredite.

Man bedenke, dass alleine die Insolvenz von Lehman Brothers Verbindlichkeiten von 600 Mrd. USD unter Chapter 11 zur Abwicklung bringt. Das ist so als ob Russland im Jahr 1998 ausgelöscht und „abgewickelt“ wird, denn das BSP betrug damals auch nur 600-700 Mrd. USD. Bei der Hypo Real Estate stehen 400 Mrd. € auf dem Spiel. Wenn diese Großbanken in die Insolvenz gehen, kommen viele „Counterparts“, also auch andere Banken und Versicherungen in ernsthafte Zahlungsschwierigkeiten usw..

Noch schlimmer aber wäre es, wenn der normale Sparbuchkunde und Anleger die Nerven verliert und das Geld von der Bank abziehen will. Wenn dies massenweise aufgrund von Gerüchten über eine Pleitegefahr geschieht, nennt man dies einen „Bankenrun“. Dies geschah im September bei der größten amerikanischen Bausparkasse Washington Mutal in den USA und der East Asia Bank in Asien. Zuvor war Nothern Rock in England Opfer eines Bankenruns und wurde dann vom Staat aufgefangen. Ein Bankenrun in Europa (Deutschland) bei mehreren Banken mit langen Menschenschlangen vor allen Bankfilialen gleichzeitig ist (noch) unvorstellbar und wäre auch fatal, weil dann keine Bürgschaft und auch kein staatliches Rettungsprogramm nützen würde.

Daher hat die irländische Regierung vorsorglich die Einlagen für alle 6 Großbanken bis 2010 als sicher garantiert, um einen Bankenrun zu verhindern. Dabei scheint es der irländischen Regierung nicht zu stören, das dieses Versprechen das Doppelte des BSP beträgt. In einem solchen Fall wäre der Staat selbst fast Pleite. Auch an diesen Gedanken wird man sich in Zukunft gewöhnen müssen. Auch Staaten können Pleite gehen wie zuvor Argentinien und Russland! Auch Japan ist schon mit 180% des BSP verschuldet. Die USA kommen bald in ähnliche Regionen, wenn sie so weitermachen. Die Verschuldungsgrenze wurde in den USA jetzt von 9,6 auf auf 11 Billionen USD erhöht. Mit dem Rettungsprogramm erhöht sich das Haushaltsbilanzdefizit auf über 1 Billion USD, wobei die Schulden von Fannie Mae und Freddie Mac noch nicht mitgerechnet sind und das sind immerhin 5 Billionen USD. Im Falle eines Bankenruns bei mehreren Großbanken würde der Einlagensicherungsfonds nicht ausreichen, um die Spargelder wieder zurückzahlen zu können. Der Einlagensicherungsfonds ist durch die Lehman Pleite fast leer, wird aber wieder aufgefüllt. Es brennt aber lichterloh im Bankensektor!

Die Gefahr, die ich sehe ist, dass die Kriegsgefahr zunimmt, wenn die Finanz- und Wirtschaftskrisen überhand nehmen. Schließlich ist auf der Weltwirtschaftskrise 1929 ein Weltkrieg entstanden. Nur haben jetzt viele Weltmächte Atombomben. Diese Gedanken wollen wir lieber nicht weiterspinnen.. Ich halte den NATO-Gipfel in Tiflis für einen Fehler, weil er eine Provokation für Russland darstellt. Ebenso ist das Raketenabwehrsystem auf polnischen und tschechischen Boden eine Provokation in russischen Augen.

Das nächste brisante Thema wird der Iran werden, wo das Atomkraftwerk im Oktober ans Netz gehen wird. Auch dies ist schon jetzt Bestandteil des US-Wahlkampfes und die Republikaner könnten versuchen, wieder „Kriegsthemen“ wie Irak/Iran in den Vordergrund zu bringen, nachdem McCaine in Wirtschaftsfragen offensichtlich nicht kompetent genug ist und auch sein Mannschaft nicht hinter sich hat. Ein Bombenanschlag wie in Südossetien kommt da ganz gelegen und wie die Iran-Atomfrage geklärt wird, ist auch noch offen Das sind zwei für den Weltfrieden (und die Weltbörsen) gefährliche Trumpfkarten für McCaine, die er noch im Wahlkampf bis 4. November ausspielen könnte …(hoffentlich nicht!).

Trotz des US-Rettungspakets ging die Wall Street am Freitag in den letzten Handelsstunden wieder in die Knie. Der Dow Jones verlor in wenigen Stunden um fast 500 Punkte von 10.800 auf das neue Jahrestief von 10.325 Indexpunkten, während er vor der Entscheidung noch 300 Punkte im Plus war. Dies ist ein sehr schlechtes Zeichen für die nächste Woche. Wenn der Dow Jones unter 10.300 Indexpunkte fällt bzw. der S&P-Index unter 1100, droht ein weiterer Mini-Crash bzw. Kursverlust von 5-10% in wenigen Tagen. Der DAX wird wohl am Montag wieder mit einem Gap von 160 Punkten nach unten eröffnen, womit der Tagesgewinn von heute wieder verloren ist. Ich nehme aber an, dass der DAX dann wieder das Gap schließen wird, weil der S&P-Future (künstlich?) über Globex nach oben geht. Bei unter 5500 Indexpunkten könnte der DAX schnell bei 5000 Indexpunkten landen.

Es kann aber gut sein, das das „Plunge Protection Team“ in den USA am Montag wieder auf den Plan tritt und die Wall Street rettet, indem S&P Future im großen Volumen gekauft werden und so ein „Short-Squeeze“ bzw „Short Covering“, also das Eindecken von Short-Positionen auslöst. Achten Sie daher auf die S&P-Future vor und nach Handelseröffnung. Der Nikkei-Index dürfte auf unter 10.800 Indexpunkte einbrechen und damit wieder auch Panikreaktion an der Moskauer Börse auslösen. Die Unsicherheit bei den Anlegern ist wieder sehr groß, so dass wieder Panikverkäufe und Zwangliquidierungen von Hedgefonds möglich sind, die selbst in arger Not sind. Eine weitere Tsunami-Welle könnte also nach dem „Erbeben der internationalen Finanzarchitektur“ folgen.

An der Moskauer Börse wurde der Handel am Freitag zum dritten Mal in den letzten 4 Wochen ausgesetzt, nachdem die Aktien in wenigen Minuten um 5% einbrachen. Am besten man wird jetzt alle Börsen schnell schließen, um Panikreaktionen zu vermeiden, aber das wird nicht möglich sein. In Südossetien kamen 7 russische Soldaten bei einem Bombenanschlag ums Leben, wobei die russische Regierung den georgischen Geheimdienst dafür verantwortlich macht. Das hört sich nicht gut an (auch für den Weltfrieden!). Verschwörungstheoretiker können auch vermuten, dass US-Geheimdienset dahinter stecken könnten, um McCaine, der nun fast aussichtslos hinter Obama bei den Wahlumfragen zurück liegt, wieder als außenpolitischer Krisenmanager nach vorne zu bringen. Das würde dann aber wieder Krieg in Georgien bedeuten, was in dieser Zeit weitere Panikreaktionen nicht nur in Moskau, sondern an allen Weltbörsen verursachen würde. Dabei sollen jetzt gerade EU-Beobachter nachprüfen, dass alle russischen Truppen bis 10. Oktober abgezogen sind. Wenn sie jetzt aber wegen dieses ganz bewusst herbeigeführten Terroranschlags wieder zurückkehren sollten, wäre dies ein herber Rückschlag – sogar für den Weltfrieden! Auch ein Terroranschlag in Deutschland oder den USA würde ins Bild der Verschwörungstheorie passen und kämen zur Unzeit für die Weltbörsen. Nur die Shortseller würden dann davon profitieren.

Man kann nur hoffen, dass Medwedew/Putin diesmal besonnen(er) reagieren. Im erneuten Kriegsfall in Georgien würde die Moskauer Börse wieder einbrechen, weil ausländische Investoren ihr Kapital panikartig abziehen werden. Auf der anderen Seite sind russische Aktien jetzt äußerst günstig bewertet, so dass die Kurserholung kräftig ausfallen dürfte, wenn die Ausländer wieder zurückkommen. Im Moment ist daran aber nicht so schnell zu denken, da die Amerikaner und Briten ihre Brandherde im eigenen Land löschen müssen und Kapital weiter abziehen. Unter dem Kapitalabzug bei Fonds leiden vor allem Small und Mid Caps – auch bei anhaltend guten Fundamentaldaten.

Ich erwarte also weiter turbulente Zeiten und einen heißen Oktober. Es wird trotz des US-Rettungspaketes weitere Banken- und vor allem Hedgefondspleiten geben. Crashtage, die wahrscheinlich kommen werden, sind aber auch an Ostbörsen Kauftage, wenn auch nur für einige Tage. Der Bärmarkt bleibt insgesamt intakt, da die 200 Tageslinien überall bei den großen Weltbörsen fallend sind. Die Aktien an der Wall Street sind bisher erst um 20% gefallen und in Anbetracht der Gewinnverminderungen im Banken- und Automobilsektor immer noch zu teuer. Die Automobilbranche bekommt jetzt in den USA eine 25 Mrd. USD-Kredit, verschuldet sich damit aber immer mehr. Die US-Verschuldung steigt insgesamt dramatisch an. Ich rechne mit vielen Pleiten von Kommunen und Ländern in den USA in 2009. Auch Kalifornien ist schon am Rand der Pleite.

Die Wall Street ist bisher – man höre und staune! - dennoch von den großen Weltbörsen die am besten performende Börse der Welt, obwohl in den USA die Verschuldungsprobleme am größten sind. Die relativ stabile Wall Street könnte wie erwähnt eine Folge des „Plunge Protection Teams“ sein, das bisher einen Crash wie 1987 erfolgreich verhindern konnte. Die 777 Dow Jones-Indexpunkte am schwarzen Monat im September war „nur“ ein Kursverlust von 8% während der 87-er-Oktober-Crash einen Kursverlust von 19% bei etwas über 500 Indexpunkten zur Folge hatte. Obwohl die Welt-Aktienkapitalisierung schon von 62 auf 42 Billionen um 20 Billionen USD (!) seit Oktober 2007 abnahm, können die Kursverluste noch größer werden. An dem „Schwarzen Montag“ gingen an der Wall Street über 1 Billion USD verloren, die am nächsten Tag dann fast wieder zurückgewinnen wurden. Diese volatilen Kursprüngen werden sich fortsetzten.

Dies zeigt schon, dass 700 Mrd. USD nicht ausreichen werden, um die Finanzkrise in den USA bzw. gar weltweit beherrschen zu können. Der IWF schätzt alleine die Verluste im Bereich der Subprime-Kredite auf über 1 Billion USD. Ich erwarte dennoch bei einer Bärmarktrallye, die irgendwann zum Jahresende kommen wird, keine Bodenbildung, so dass der Anleger nur mit gestaffelten Abstauberlimits in ausgewählte Blue Chips bei seiner Schnäppchenjagd in den Markt gehen sollte. Das Timing wird beim „Bottom Fishing“ ohne Boden nicht einfach werden. Das wichtigste ist aber, dass wieder Vertrauen in den Bankensektor kommt, was im 4. Quartal gut sein kann, da jetzt wohl alle Restabschreibungen erfolgen. Dann wird der Anleger sehen, dass es auch Gewinner geben wird wie die Bank of America, Goldman Sachs und JP Morgan in den USA oder Sberbank in Russland. Waren Buffet investierte schon einige Milliarden in Goldman Sachs und General Electric. Der kann aber auch lange Warten und vor allem Nachlegen, wenn die Kurse weiter fallen sollten. Können Sie das auch? Es gibt jetzt schon vielerorts „Schnäppchenkurse“, die zum Einstieg locken, wobei das Timing des optimalen Einstiegs sehr schwierig ist. Ich empfehle daher weiterhin, auch in Osteuropa selektiv mit gestaffelten Abstauberlimits in den Markt zu gehen. Cash bleibt King!

Daher ist mein Motto auch bei meinem Ostbörsen-Seminar „Go East“ am 12. November 2008 um 17.30 in Frankfurt M. „In der Krise liegt die Chance“. Bis dahin dürfte aber noch einiges passieren. Welche Aktien Sie jetzt kaufen oder verkaufen sollen, können Sie der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min.) entnehmen.

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