Tatort Moskau: Wer hat Boris Nemzow ermordet?

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Montag, 02. März 2015 01:34:00

Am 28. Februar wurde der oppositionelle Politiker Boris Nemzow kaltblütig durch ein Attentat nachts auf der „Großen Moskworezki-Brücke“ im Moskauer Stadtkern100 Meter vom Kreml in Moskau in Begleitung seiner Freundin ermordet. Jetzt beginnen die Spekulationen und Gerüchte, wer hinter diesem brutalen Auftragsmord steckt. Bei westlichen Medien führt die Spur der möglichen Hintermänner sofort in Kreml, wo angeblich eine ganze Reihe von weiteren unaufgeklärten Auftragsmorden zu verantworten seien.

Der 1. Weltkrieg begann auch mit einem Auftragsmord. Es stellt sich nun nicht nur die Frage, wie gefährlich der Tod von Nemzow in Zukunft werden könnte, sondern auch, ob daraus nicht auch große geopolitische Gefahren heraufbeschwört werden.

Nemzow als Hoffnungsträger des Westens

Am 28. Februar wurde der oppositionelle Reformpolitiker Boris Nemzow mit 4 Kugeln aus einer Makarow-Pistole von einem Auto aus ermordet, als er nachts zusammen mit seiner Freundin einen Spaziergang unweit des Kremls machte. Nemzow kritisierte zuvor Putin scharf. Noch 3 Stunden vor seinem Tod machte er ein Radio-Interview, in dem er das System-Putin als „One man-Show“ angriff. Nemzow meinte, das „System Putin“ würde früher oder Russland in die Katastrophe führen, wenn keine Reformen durchgeführt werden und keine Opposition zugelassen wird. Für den Westen war Nemzow ein Hoffungsträger, da er den Mut hatte, Putin die Stirn zu bieten und eine Opposition aufzubauen, die allerdings nicht sehr schlagkräftig und wirkungsvoll war.

Nemzow als Putin-Kritiker und Organisator von Demonstrationen

Nemzow war zur Zeit der Präsidentschaft von Boris Jelzin in den 90-er Jahren zunächst Gouverneur in Nizhni Nowgorod und später war er 1997 dann unter Anatoli Tschubais auch als Vize-Primier mitverantwortlich für die Privatsierung in Russland. Nach seinen Vorschlag sollte jeder russische Politiker auch ein russisches Auto fahren. Nachdem nicht er als „Reformer“, sondern der damalige „No-name“ und Ex-KGB-Agent Wladimir Putin von Boris Jelzin zum Präsidenten auserkoren wurde, wurde Nemzow später zum Kritiker von Putin. Ihm gelang es aber nicht, mit seiner Partei „Union der rechten Kräfte“ bei den letzten Parlamentswahlen in die Duma zu kommen. Er war dennoch ein sehr angesehener und international anerkannter Reformpolitiker der Opposition und er organsierte später auch einige Massenproteste gegen Putin, wo er auch selbst teilnahm und dafür auch schon einige Tage im Gefängnis saß.

Nemzow als „Poroschenko-Versteher“

Nach den Angaben des ukrainische Präsidenten Petro Poroschenko besaß Nemzow auch über Informationen, die belegen, dass russische Militäreinheiten in der Ost-Ukraine aktiv seien. Diese wollte er auch in einem Buch, an dem er schrieb, später auch preisgeben. Am 1. März war ohnehin eine große Protest-Demonstration in Moskau geplant, die Nemzow selbst auch mit organisiert hatte. Diese wurde dann am 1. März nach dem Tod von Nemzow eine Trauer-Kundgebung, die vom Kreml auch genehmigt wurde und friedlich verlief.

Kommt jetzt eine neue Demonstrationswelle der Opposition?

Am 1. März demonstrierten dann auch tatsächlich über 50.000 Oppositionelle in einem Trauermarsch auch gegen Putin nahe dem Kreml. Viele von den Demonstranten sind der Meinung, dass ihnen durch den Kreml zu verantwortenden Mord an Nemzow Angst eingeflößt werden soll. Sie würden sich aber nicht abschrecken lassen und gerade jetzt weiter gegen das „System Putin“ demonstrieren. Sie vermuten, dass die sogenannten „Silowiki“, also die Hardliner des russischen Geheimdienstes und des Militärs, die gegen liberale Reformer sind, hinter dem Mord von Nemzow stecken. Es kann gut sein, dass nun deswegen eine weitere Oppositionswelle entfacht wurde so wie damals, als Putin die Rochade mit Medwedew machte und dann zum dritten Mal als Präsident gewählt wurde.

Putin hält den Mord für eine „Provokation vor seiner Haustür“

Der russische Präsident Putin selbst hält den Mord für eine „Provokation“. Er will alles dafür tun, um den Mord aufzuklären. Nemzow sei zwar ein politischer Gegner, aber keine Gefahr für ihn. Er und seine Ermittlungsbehörden halten es für möglich, dass ausländische Geheimdienste für den Mord verantwortlich sind. Das wäre dann so etwas wie eine False Flag-Attacke, also eine verdeckte Attacke eines ausländischen Geheimdienstes, um die Masse gegen Putin aufzubringen.

Russische Ermittlungsbehörden ermitteln in alle Richtungen

Die russischen Ermittlungsbehörden ermitteln nun auch in alle Richtungen, wobei im Fokus ausländische Geheimdienste, besonders der ukrainische Geheimdienst und islamische Gruppen stehen, da sich Nemzow auch solidarisch mit Charlie Hebdo erklärte. Auch Nationalisten kommen als mögliche Attentäter in Betracht. Von einer Überwachungskamera wurde der Tod von Nemzow aufgenommen. Aufschlussreich dürfte auch die Befragung der 32 Jahre jüngeren Freundin Anna Duritskaya werden, die Nemzow an dem Abend begleitet hat, aber erstaunlicherweise unversehrt blieb.

Westliche Medien sehen Nemzow als Opfer eines „mörderischen Systems“

Westliche Medien brachten den Tod des Hoffungsträgeres Nemzow sofort in Zusammenhang mit den bisher nicht aufgeklärten Morden an den System- und Putin-Kritikern wie der Tod von Sergej Juschenkow am 17. April 2003, der in der Untersuchungskommission des Sprengstoffanschlags auf Moskauer Wohnhäuser war, wie der Tod von der Journalsitin Anna Politkowskaja an Putins Geburtstag am 7. Oktober 2006, wie der Tod des Ex-KGB-Agenten und späteren Putin-Kritikers Alexander Litwinenko am 23. November 2006 in London durch eine Polonium-Vergiftung, wie der Tod des Rechtsanwaltes Stanislaw Markelow am 19. Januar 2009, der viele Oppositionelle vertrat (hier wurden die Mörder ermittelt und verurteilt: es waren Nationalisten), wie der Tod der Journalistin Anastassia Baburossa zusammen mit ihren Anwalt am 19. Januar 2009, die für die regierungskritische Zeitung „Nowaja Gazeta“ schrieb, wie der Tod der Historikerin und Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa in Grosny am 15. Juli 2009, wie der Tod des Anwalts von Hermitage Capital Management aufgrund eines mysteriösen Herzinfarkts im Gefängnis am 16. November 2009 und schließlich wie der Tod des im britischen Exil in London lebenden russischen Oligarchen und Putin-Kritikers Boris Beresowski am 23. März 2103 in London. Ist aber wirklich Putin für alle diese Morde verantwortlich und wäre es logisch, jetzt Nemzow kurz vor seiner Großdemonstration töten zu lassen. Zumindest titulieren westliche Medien alle diese Morde unter dem Begriff eines „mörderischen Systems“, das von Putin gelenkt wird.

War Nemzow Opfer einer False Flag-Attacke?

Nun ist es bekannt, dass schon eine ganze Reihe Auftragsmorden von Geheimdiensten gibt, auch von amerikanischen und israelischen Geheimdiensten. Auch ist es bekannt, dass es eine Reihe von False Flag-Attacken, also verdeckten Attacken von Geheimdiensten und Militärs gibt, um eine falsche Spur zu legen. Es gibt Vermutungen, dass der erste Weltkrieg durch eine False Flag-Attacke entstand und der zweite auch, indem Hitler Polen für den ersten Beschuss verantwortlich machte.

Aus einem Attentat kann ein Weltkrieg werden

Vielleicht sollten wir uns alle daran erinnern, dass der Anlass für den 1. Weltkrieg damals auch nur ein Attentat in Sarajewo am 28. Juni 1914 war, bei dem der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Ehefrau umgebracht wurden. Als Täter wurden damals Mitglieder der verschworenen serbischen Geheimloge "Schwarze Hand" vermutet. Nach der Ermordung von Franz Ferdinand durch einen serbischen Attentäter verschärfte sich der Konflikt zwischen Ungarn-Österreich und Serbien. Dann wurden Verbündete mit in den Krieg gezogen. Im Juli 1914 erteilte Deutschland Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht für einen Krieg gegen Serbien. Welche Geheimloge bzw. welcher Geheimdienst steckt jetzt wohl jetzt hinter dem Tod von Nemzow und welche (nationalen) Interessen stecken dahinter? Es stellt sich nun nicht nur die Frage, wie gefährlich der Tod von Nemzow in Zukunft für Putin werden könnte, sondern auch, ob daraus nicht auch große geopolitische Gefahren heraufbeschwört werden. Die Blankovollmacht, dass Barack Obama Russland den Krieg erklären kann ohne den Kongress zu befragen, hat Obama bereits. Darüber wird aber viel zu wenig in westlichen Medien berichtet.

Es wäre wünschenswert, wenn Medien alles zur Aufklärung und Transparenz beitragen und nicht zur einseitigen Propaganda oder gar – wieder einmal- zur einer medialen Vorverurteilung. bzw. allzu einseitigen Kategorisierung von „Guten“ und „Bösen“.

Diskutieren Sie jetzt auch mit Herrn Männicke interaktiv unter http://go.guidants.com/de#c/Andreas_Maennicke .

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