Ratlose Profis und ahnungslose Politiker

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Samstag, 31. Januar 2009 02:12:00

Der Fondskongress in Mannheim am 28/29. Januar bot einmal wieder die Möglichkeit, sich einen guten Überblick darüber zu verschaffen, wie die Profis jetzt „ticken“ und welche Anlagestrategien in der Krise opportun erscheinen. Zunächst darf man positiv herausstellen, dass der Fondskongress, wo ich auch anwesend war, sehr gut besucht war. Einige Räume waren sogar so überfüllt, dass man annehmen könnte, es werden nun bahnbrechende, wegweisende Trends bekannt gegeben. Das Gegenteil davon war der Fall, denn selbst Profis mit jahrelanger Berufserfahrung wissen nicht, wie es nun weitergehen wird.

Normalerweise sind die Räume nur während eines Mega-Booms oder einer Hausse überfüllt. Ich habe den Eindruck, dass das Interesse an Finanzanlagen umso größer wird, je mehr sich die Krise ausweitet. Auf dem Fonds-Kongress sind aber überwiegend Finanzvermittler, die auch ratlos sind und nun sicherlich auch einen schweren Stand haben, ihren Kunden die schlechte Performance des Vorjahres zu erklären und ihnen zudem Hoffnung für die Zukunft zu machen.

Was die Assetklassen Aktien, Staatsanleihen und auch Rohstoffen angeht, waren die Aussichten bei den meisten Profis (=Strategen von Banken, Fonds und Vermögensverwaltungen) wenig hoffnungsvoll für dieses Jahr und für das nächste Jahr wollte sich schon gar keiner aus dem Fenster legen. Ausgenommen davon sind die Strategen, die erfolgreich eine Multi-Aseet-Management-Strategie nach dem Total Return-Ansatz oder eine Long/Short-Strategie verfolgen, was im Moment sehr angesagt ist. Auch die Erkenntnis, dass sich Emerging Markets diesen globalen Trends nicht entziehen können und dass exportorientierte Emerging Marktes von der gegenwärtigen Krise besonders hart getroffen werden, ist nicht neu. Emerging Markets werden immer volatiler als etablierte Märkte sein, weil Kapitalzu- und vor allem -abflüssen aufgrund der Marktenge zu größeren Kursausschlägen führen. Daran wird sich so schnell nichts ändern.

Dennoch wurden auf dem Fondskongress auch Themen für das smart money wie Afrika bzw. MENA (Middle East-North Africa) thematisiert. Ich empfehle dem weitsichtigen Langristanleger gerade jetzt einen genauen Blick auf die Anlagemöglichkeiten in dem noch weitestgehend unentdeckten Kontient Afrika zu werfen. Insofern empfehle ich auch gerne das Buch von meinem sehr geschätzten Kollegen Hartmut Sieper „Investieren in Afrika“ (erschienen 2008 im Finanzbuchverlag), das Ihnen einen guten Überblick über die Investitionsmöglichkeiten in Afrika gibt. Einige Fondsanbieter haben auch schon eine Reihe von Arabien/Afrika-Produkten lanciert, andere sind noch in Vorbereitung. Es lohnt sich in jedem Fall, schon jetzt einen Blick darauf zu werfen. Schließlich zählten die Börsen aus Marokko, Tunesien und Ghana schon im letzten Jahr zu den Top-Performern unter den Weltbörsen. Außer in Dubai und Südafrika handelt es sich dabei größtenteils noch um sehr kleine, illiquide Börsen, die aber wiederum auch größtenteils negativ untereinander korreliert sind. Sogar in Angola und Kongo sollen neue Börsen entstehen und das sind Länder mit enormen Bodenschätzen und großem Entwicklungspotential. Es verwundert nicht, das China dort fast überall schon präsent ist, um sich wichtige Rohstoffvorkommen zu sichern.

Es sollte auch nicht verwundern, dass sich keiner auf dem Kongress wagte zu sagen, dass in diesem Jahr die Krise schon vorbei sei und wir wieder voller Freude einem neuen Haussetrend entgegenschauen können. Dafür sind die gegenwärtigen Probleme zu komplex, zu tiefgreifend und die Wirkung der staatlichen Maßnahmen gänzlich unbekannt. Auch das Thema, was passiert, wenn die gegenwärtigen keynsianischen Instrumente nicht greifen sollten, will keiner so recht zur Sprache bringen. Kurz gesagt: es herrscht allgemeine Ratlosigkeit bei den Profis. Trends für 2009/10 sind noch nicht erkennbar, außer dass die Bärmärkte im Aktienbereich noch voll intakt sind und eine scharfe Rezession, aber keine Depression 2009 wahrscheinlich ist. Gute Chancen wird allgemein Gold eingeräumt, womit ich übereinstimme.

Immerhin wagten sich auch zwei Fondsanbieter, nämlich Baring Asset Management (mit ihrem Russlandfonds) und Raiffeisen Capital Management (mit ihrem Osteuropafonds) explizit Russland als besondere Chance in der Krise herauszustellen. Die NESTOR Fonds-Gruppe hat diesmal mit dem Fonds-Advisor Parex Asset Management eine interessante Präsentation über osteuropäischen Unternehmensanleihen gegeben, die alle Probleme (bis zum technischen Default), aber auch die Chancen bei osteuropäischen Unternehmensanleihen herausgearbeitet hat. Nach einem Minus von 33% im letzten Jahr bestehen nun attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Wer noch keinen Osteuropa-Aktien-Fonds oder Osteuropaanleihenfonds im Portfolio hat, hat jetzt sicherlich eine gute Startmöglichkeit, wenn er einen Sparplan sich selber macht oder in einen Sparplan investiert. Denn nach einem Krisenjahr von diesem Ausmass kommen auch immer wieder gute Jahre an der Börse.

Die Konjunkturdaten werden aber weiterhin schlecht bleiben. Das BSP brach in den USA im 4Q08 um 3,8% ein: es war damit das schwächste Quartal in den letzten 26 Jahren. Erwartet wurde aber eine Schrumpfung des BSP um 5,4%, so dass der Markt mit einem Minus von 1,82% noch relativ gelassen auf die schlechten Konjunkturdaten reagierte. Diese Reaktionen sind jetzt öfters zu erwarten. Entscheidend für den Kursverlauf sind die Abweichungen von den Erwartungen und weniger die Ergebnisse selbst. In jedem Fall werden die Arbeitslosenzahlen, die zudem in den USA geschönt sind, weiter drastisch ansteigen. In der letzten Woche wurden in den USA am Mittwoch 72.000 Beschäftigte an einem Tag entlassen. Ich erwarte eine Arbeitslosenquote von über 10% in den USA, die dann mit den Konsum drücken werden. Aber auch in Europa sieht es nicht besser aus. In Spanien ist schon jetzt die Arbeistlosigkeit auf 14% gestiegen (Tendenz steigend). Im Euro-Raum haben vor allem Spanien, Griechenland, Italien und Belgien jetzt große Probleme, was auch den Euro schwächt. Der Euro fiel zum Dollar auf ein neues Jahrestief von 1,27 EUR/USD. Die Währungen in den oben genannten Ländern wäre aber ohne Euro sehr viel stärker abgewertet worden. Das Pfund verlor schon fast 50% zum Euro, was auch die prekäre Situation in Großbritannien deutlich macht. Selbst Primier Brown wird jetzt notgedrungen zähneknirschend zum Keynsianer und Staatsbefürworter. Die RBS könnte verstaatlich werden. Barclyas gab zunächst Entwarnung, was Hoffnung macht. In Großbritannien erwarte ich aber volkswirtschaftlich ähnlich große Probleme wie in den USA, also auch einen Immobilien-Crash und einen Einbruch des Konsums. Die ehemaligen viel bewunderten Vorzeige-Kapitalisten müssen nun auf die Schulbank und Staatsregulierung lernen – auch beim G20-Gipfel. Ich rechne auch fort mit großen Währungsschwankungen und -verwerfungen. Auch der Rubel dürfte sich weiter abschwächen, worauf man auch über Zertifikate spekulieren kann.

Die amerikanischen Banken sind immer noch in einer Jahrhundert-Solvenzkrise und dies dürfe auch im Falle einer Bad Bank lange Zeit so bleiben. In Deutschland wird das Modell der vielen, kleinen ausgelagerten Bad Banks (wie bei der West LB) als eine Bad Bank favorisiert. Wenn man den Worten von Bernanke folgt, dann wird die FED demnächst die Bad Bank werden, die alle faulen Kredite erwirbt. Sie soll demnächst sogar Staatsanleihen aufkaufen. Die Frage ist dann, wann aus einer Deflation eine Hyper-Inflation wird bzw. wie das vermieden werden soll, bei der Dollarschwemme. Geld drucken kann jeder, aber ist das gesund?

So oder so wird sich der Staat, falls er die toxischen Produkte auf sein Konto schreibt, weiter verschulden müssen. Der Spiegel stellt daher zu Recht die Frage, wann ein Staat Pleite ist. Letztendlich ist das einfach zu beantworten. Nämlich wenn keiner mehr die neu begebenen Staatsanleihen kaufen will. Ich bin jetzt schon gespannt, wie das Billionen-Volumen an Anleihen vom Markt (=Chinesen, Japaner, Araber) aufgenommen wird. Finden sich nicht genug Käufer, müssen die Zinsen steigen. Es dürfte auch jedem klar sein, dass die Garatieversprechen des Staates gar nicht eingelöst werden können. Auch können nicht alle faulen Kredite übernommen werden, weil das Volumen mit über 3 Billionen USD in den USA zu groß ist.

Die Commerzbank und die Deutsche Bank haben zusammen eine Bilanzsumme von 3 Billionen €, wobei das Eigenkapital nur 2% beträgt. 3 Billionen € kann der Staat aber nicht übernehmen, da er dann schnell selbst Pleite ist. Ich bin selbst sehr gespannt, wie dieses keynsianische Mega-Experiment ausgehen wird. Wenn die Pferde nicht saufen sollten, kommt auch eine Währungsreform in einigen Jahren in Betracht. Darüber wollte aber keiner auf dem Fondskongress sprechen. In diesem Jahr bleibt es abzuwarten, wie stark tatsächlich der Spill over der globalen Finanzkrise auf die globale Realwirtschaft sein wird. Von daher sollten Sie weiterhin die nächsten Frühwarnindikatoren (Leading indicators) in den USA und den IFO-Gechäftsklima-Index in Deutschland, aber auch die Arbeistlosenzahlen, beobachten. Zuletzt gab es hier schon leichte Stabilisierungstendenzen auf niedrigem Niveau. Durch die drastische Ausweitung der Geldmenge vor allem in den USA könnten auch Börsen in Zukunft profitieren. Insbesondere die Auftragseingänge im Januar werden schon mehr Licht ins Dunkel bringen und sind sehr wichtig für die zukünftige Börsenentwicklung. In den Monaten November/Dezember sind sie so stark wie schon lang nicht mehr eingebrochen.

In den USA hat AIG schon wieder 450 Mio. USD für Provisionen für „verdiente Manager“ mit Staatsgeldern bereitgestellt und die Citibank hat mit Staatsgeldern einen neuen Privat-Jet geordert. Obama wird den Bankern demnächst schon die Leviten lesen. Auch der G20-Gipfel im April wird neue Weichen stellen. Vielleicht haben wir es dann schon mit einem Paradigmawechsel in Finanzsektor zu tun. Es wird Jahre dauern, die die verstaatlichen Banken die Kredite vom Staat samt Verzinsung wieder zurückbezahlen können. Die Dividenden dürften daher bis dahin ausfallen. Der Bankensektor ist weiterhin sehr labil, verwundbar und es wird dort weitere Verstaatlichungen geben. In Deutschland soll möglicherweise die Hypo Real Estate AG (zur Hälfte) verstaatlicht werden und in Kasachstan die Alliance Bank, was auch den Kurs der Kazkommertsbank letzte Woche zum Einbruch brachte. Es ist wie in Australien. Es brennt noch überall lichterloh und es scheint nicht viel an Substanz übrig zu bleiben.

Neben den schlechten Konjunkturdaten, gibt es aber immer noch beeindruckende Gewinnzahlen, die zeigen, dass die westlichen Unternehmen ordentlich Speck auch im letzten Jahr angesammelt haben. Immerhin bekam Pfizer 22 Mrd. € an Krediten für die Übernahme des halb so großen Konkurrenten Wyeth für 68 Mrd. USD. Hoffentlich übernimmt sich Pfizer nicht damit wie zuvor die Bank of America. Der Pharmasektor ist aber noch relativ stabil und profitabel. Noch profitabler im letzten Jahr war der Ölsektor. So meldete ExxonMobil für 2008 einen Gewinn von 45 Mrd. USD und Chevron einen Rekordgewinn von 24 Mrd. USD für das letzte Jahr. Dieses Jahr könnte aber bei Ölpreis von unter 40 USD/Barrel Verluste bringen. Zuletzt notierte der WTI-Ölpreis am Freitag nur bei 41 USD/Barrel. Insbesondere für Russland ist der Ölpreis von großer Bedeutung. Der Haushalt wurde jetzt auf Basis von 41 USD/Barrel nachberechnet, was durchaus realistisch sein kann. Es sol nun ein Nachtragshaushalt auch in Russland beschlossen werden. Zuvor basierten die Annahmen bei 95 USD/Barrel. Bei einem Ölpreis von dauerhaft unter 50 USD wird Russland in eine Rezession schlittern und zudem ein hohes Haushaltsbilanzdefizit bekommen, was wiederum den Rubel weiter schwächt.

Bei dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos machten die meisten Politiker und Wirtschaftsbosse gute Miene zum bösen Spiel. Die Amerikaner, die Krise verursacht hatten, blieben ohnehin zu Hause und reisten erst gar nicht erst an. Sie müssen die Wunden zu Hause lecken. Ausgerechnet Putin fordert nun die Weltgemeinschaft auf, bald wieder zur Marktwirtschaft zurückzukehren und sich gegenseitig mehr zu vertrauen, womit er aber im Grunde Recht hat. Neue Impulse für die Weltbörsen waren aber nicht erkennbar. Auch in Davos sind die Politiker relativ ratlos. Die Anleger müssen bei dieser labilen Gemengelage mit allem rechnen und dabei besonders auf die Markttechnik achten. Der DAX gab am Freitag um 2,03% nach und schloss bei 4338 Indexpunkten und der Dow Jones gab um 1,82% nach und fiel auf die charttechnisch sehr bedeutsame 8000-er Marke.

Ich bleibe dabei: gehen Sie auch an den Ostbörsen voll in Liquidität, wenn der DAX nachhaltig unter 3950 oder der Dow Jones unter 7950 Indexpunkten nachhaltig fallen sollte. Für Gold bleibe ich weiterhin bullish. Der Goldpreis stieg auf ein neues Jahreshoch von 922 USD. In Euro erreichte der Goldpreis sogar ein neues Allzeithoch von erstmals über 700 €. Er dürfte weiter steigen. Von daher sind auch russische Goldaktien wie Polyus und Polimetal weiterhin aussichtsreich. Polyus will nun Kazakhgold aus Kasachtstan übernehmen. Der Gewinner des Tages war aber am Freitag der in Russland aktive Öl-Junior Sibir Energy mit einem Plus von 60% auf 2,2 €. Interessant sind auch Aktien mit hohen Dividendenrenditen vor allem im Telekomsektor (einige Vorschläge dazu im nächsten EAST STOCK TRENDS, www.eaststock.de)

Es wird in jedem Fall sehr volatil bleiben. Welche Aktien Sie jetzt kaufen oder verkaufen sollen, können Sie der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min.) entnehmen.

TV-Hinweise: Ein Interview mit dem Autor über Russland wird am 3. Februar um 07.17, 16.05 und 17,05 Uhr in Bloomberg TV (www.bloomberg.com) ausgestrahlt. Am 4. Februar wird der Autor dann in NTV/Telebörse über die Chancen in Osteuropa befragt werden (siehe www.n-tv.de oder www.teleboerse.de/Geldanalgecheck)

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