Nebelgestocher der Analysten: V, W , U, L oder M an der Börse oder Wirtschaft?

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Samstag, 27. Juni 2009 19:18:00

Die Börse folgt langfristig immer den wirtschaftlichen Dominanzfaktoren. Was kurzfristig die Börse dominiert, variiert im Zeitablauf; mal sind es die Unternehmensdaten, mal sind es relevanten Konjunkturdaten mal sind es Frühindikatoren, mal ist es die Zinspolitik (zentral die FED), mal sind es von Medien stimulierte und Spekulanten ausgenutzten Trends (wie Interne, Rohstoffe), mal sind es Rohstoffpreise, mal sind es Währungsturbulenzen, mal ist es die Politik, mal sind es außergewöhnlicher Ereignisse (Kriege, Terroranschläge etc), die die Börse dominieren. Das bedeutet, die Börse findet immer wieder langfristig auf den Boden der Realität zurück. Kurz- und oft auch mittelfristig neigt die Börse zu spekulativen Übertreibungen nach oben oder auch nach unten, denn an der Börse wird die ungewisse Zukunft gehandelt, die mal mehr zur Euphorie, mal mehr von Angst geprägt ist. Durch eine Vielzahl von Expertenprognosen versucht sich der Analyst und Anleger über wesentliche Hinweise über die mögliche Verfassung einer Volkswirtschaft und auch von einzelnen Unternehmen zu bekommen.

Analysten und Anleger fragen sich nun, wie der zukünftige Verlauf der Wirtschaft und der Börse sein wird, wird es ein „V“(=steiler Kursanstieg ohne Bodenbildung), wird es ein“ W“ (also kurzfristige Erholung, aber dann doch noch einmal ein deutlichen Nachgeben bis zu den alten Tiefsständen, bevor die eigentliche Kurserholung kommt), wird es ein „U“ also ein langsamer, anfangs in der Mitte des „U“ fast unmerklicher Anstieg bzw. eine lange Stabilisierungsphase, bis der eigentliche Anstieg kommt“ oder wird es ein „L“, also nach dem Absturz einen lange Seitwärtsbewegung nach dem Absturz. Die Monate März bis Mitte Juni waren ein „V“ an de Börse, obwohl die Wirtschaft noch immer nach unten tendiert. Dabei handelt es sich also vor allem um spekulative Bewegungen. Kurzfristig sind die Börsen also oft nicht der Spiegel der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern der wirtschaftlich Hoffnung. Langfristig sind die Börse aber immer auf die wirtschaftlichen Realitäten einpendeln. Je mehr sich die Börse von den wirtschaftlichen Realitäten entfernt, desto schärfer wird im Nachhinein die Korrektur (bzw. der Crash).

Zudem wird heftig diskutiert, wie lange die Werterholungsphasen oder Seitwärtsbewegungen sein können. Der Zeitfaktor spielt also eine große Rolle. Ich gebe zu bedenken, dass wir schon mehrfach über 10-jährige Seitwärtsbewegungen hatten, auch in Deutschland in den 70-er Jahren und aktuell in Japan seit 1990. Auch ich glaube langfristig an volatile Seitwärtsbewegungen, wobei sich in Emerging Markets deutlich volatiler sind, also zwischenzeitlich schneller steigen, aber auch stärker fallen werden.

Alle genannten Buchstaben als Symbole für Börsenphasen geben allerdings einen positiven Ausblick und mit allen Buchstaben könne der Anleger Geld verdienen. Wenn das „L“ auch wenig Potential für dauerhaft hohe Renditen lässt, so lässt sich auch bei Seitwärtsbewegungen Geld verdienen, auch wen diese sehr viel schwieriger ist als bei Haussephasen , wo fast jeder die Illusion hat, richtig zu liegen, weil schlichtweg alle Märkte steigen. Dies hatten wir in den Jahre 2003 bis 2007. Es wird aber kaum diskutiert, dass es auch um ein „M“ handeln könnte, wobei es nach einer dem Absturz zwar wieder eine Aufwärtsbewegung gibt, danach aber es nochmals zu einem dramatischen Kursverfall kommen könnte. Auch wäre ein „L“ volkswirtschaftlich problematisch, da sich dann die Mega-Verschuldung nicht ausgezahlt hätte und die Verschuldungsprobleme wegen Steuerausfällen und Währungsturbulenzen immer größer werden.

Nun ist es eine Erfahrungstatsache, dass die meisten volkswirtschaftlichen Prognosen falsch sind. Im Moment werden uns von verschiedenen Organisationen wie Weltbank, OECD, IWF oder Wirtschaftsinstituten und namhaften Professoren Prognosen “angeboten“, die von sehr negativen wirtschaftlichen Realität, also einer tiefen Rezession bis 2001 ausgehen. Einige Börsegurus wie George Soros glauben aber, dass das Gröbste schon überstanden ist. Andere Börsengurus wie Marc Faber glauben hingegen, dass das Schlimmste uns noch bevorsteht (wie eine Hyperinflation als Ausweg aus der Verschuldungsfalle der USA). Auch könnte die FED durch die Untersuchungen ins Wanken geraten und damit Obama auch. In jedem Fall sind wird in einer unnormalen Börsensituation auch durch die extremen Verwerfungen im Finanzsektor und die extremen Antworten der Konjunkturpolitik. Auch das erschwert eine Prognose, ob es ein V, W, U, L oder M wird. Mein Tipp: vergessen Sie alle Prognosen und gehen mit dem Markt, der immer recht hat.

Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass die „Fünf Weisen“ in ihrem Konjunkturbericht die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung richtig prognostizieren. Darauf sollte sich der Börsianer also nicht verlassen. In der letzten Monaten und Wochen überhäufte uns einmal wieder eine Reihe von Konjunkturprognosen, die der Börse Angst machten, so dass es zu kräftigen Korrekturen kam. Die Weltbank nach Ihrer Einschätzung der Ansicht, dass das Weltkonjunktur in diesem Jahr anstelle von 1,7 sogar um 2,9% einbricht. Zudem soll der Welthandel um 10% nachgeben. Das waren wahrlich keine guten Nachrichten für die Börse.

Unternehmensseitig werden wir erst in einigen Wochen erfahren, wie gut im Durchschnitt die Unternehmen die Krise verkraften haben, denn dann kommen die Zahlen für das zweite Quartal. Wichtig ist nach wie vor, dass sich die Geld- du Kreditkreisläufe wieder normalisieren und wieder mehr Vertrauen in den Markt kommt. Die Börse setzte ab Anfang März auf das Prinzip Hoffnung, nämlich dass das zweite Halbjahr wesentlich besser ausfallen wird als das erste. Die Kurse der Indices stiegen daher seit März „V“-förmig rasant nach oben. Dies hatte zur Folge, dass es zu Kurssteigerungen von über 30% bei den etablierten Märkten (wie USA, Deutschland) kam du sogar zu 50- 100% bei vielen Emerging Markets, wobei die Moskauer Börse mit einer deutlichen Outperformance herausragt. Dies gelang, obwohl die Wirtschaftszahlen im 1. Quartal weit schlechter ausfielen als erwartet. In Russland brach das BSP mit 9,5% ein und as zweite Quartal wird sogar mit einem Minus im zweistelligen Bereich erwartet. Im Baltikum nahm das BSP sogar um 13% ab.

Nun gibt es aber eine Reihe von Indikatoren, die angeblich (oder tatsächlich?) signalisieren, dass es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht wie IFO-Geschäftsklima-Index; ZEW-Indikator, der Baltic-Dry-Index. Dazu stiegen auch noch die Rohstoffe wie Öl, Kupfer und Nickel. Vor allem die Rekord-Liquidität, die weltweit zu Anlagen zur Verfügung steht, ist ein Argument für nachhaltig steigende Kurse, aber auch nur wenn, das Geld wieder in Aktien investiert wird und der Risikoappetit wieder zunimmt.

Ben Bernanke hat die Geldschleusen weit geöffnet, wobei es fragwürdig bleibt, ob die Überwachung der Banken und auch das Krisenmanagement allein bei der FED gut angesiedelt ist, so wie es Obama/Geithner jetzt vorschlagen. Im Gegenteil: ich erwarte, dass es „Helikopter-Ben“ schwer haben wird, in einem fortgesetzten Krisenszenario sich zu behaupten. Ihm sind jetzt weitestgehend die Hände gebunden und die Mega-Geldmengenausweitung und Mega-Staatsverschuldunge wird noch ihre Schleifspuren hinterlassen. Ben wird also noch eine schwere Zeit vor sich haben und es ist fraglich, ob er sich halten kann.

Bei den Indikatoren die Verbesserung versprechen, muss man zudem relativieren, dass diese Verbesserung auf sehr niedrigem Niveau stattfindet. Zudem basieren die starken Steigerungen beim Baltic Dry-Index überwiegend Frachten für Rohstoffe und nicht für Industriegüter (also überwiegend die China-Nachfrage) und bei den Rohstoffen handelt es sich überwiegend um eine Erhöhung der Lagerstände. Die Nachfrage bzw. der effektive Verbrauch der Rohstoffe nahm kam zu. Also auch das könnten Nebelkerzen werden, die bald aufhören zu leuchten. Eine leichte Konjunkturverbesserung wird zudem in der Konjunktur nicht ausreichen, um die Mega-Verschuldung abzubauen. Die Verschuldungsuhr tickt unaufhörlich immer schneller.

Im zweiten Halbjahr werden die Analysten genau zu beobachten haben, in welchen Branchen die Konjunktur schon wieder anspringt. Zudem müssen sie dabei beachten, ob es sich nur um ein Strohfeuer handelt. Der Konsum ist weltweit noch echt robust, was verschiedene Ursachen hat. Vor allem nahmen aber durch die starken gefallenen Ölpreise und die relativ geringe Inflation (zumindest bei den meisten Industrieländern) sowie die Steuererleichterungen und Konjunkturprogramme dafür, dass der Konsum (noch) recht stabil ist. Gefährlich sind aber schon jetzt die protektionistischen Maßnahmen einiger Länder wie die Anhebung der Importzölle und der Versuch von Dumping-Preisen. Besonders Russland scheint hier negative Schlagzeilen zu machen, wobei China jetzt in die gleiche Richtung geht, was der USA zunehmend Sorge bereitet. Nach einem „Buy China“ kommt ein Buy USA, Buy Russia, Buy Germany usw. So richtig es ist, die Produkte im eigenen Land zu stärken und zu fördern, so falsch ist es, den internationalen, globalen Wettbewerb zu behindern. Protektionismus ist ein reale Gefahr für die Weltwirtschaft und die Weltbörsen), die aufgrund der Mega-Verschuldung ohnehin sehr verwundbar ist.

Da die meisten Vorstände selbst im Nebel stochern und keine Guideline für 2009 geschweige denn für 2009 geben, stochern auch die Fundamental-Analysten und Value Anleger weiter im Nebel. Die eine oder andere Nebelkerze verspricht kurzfristig mehr Klarheit, bis sie aufhört zu leuchten, denn dann kommt der Nebel wieder zum Vorschein. Die neuen vagen Hoffnungsträger sind zweifelsohne die „BRIC“-Länder, die die neuen Konjunkturlokomotiven werden könnten, wobei hier besonders Brasilien, Indien und China. Russland ist (nicht nur) als Rohstofflieferant weiterhin von großer Bedeutung.

Nach dem fulminanten Kursanstieg in den Monaten März bis Anfang Juni legte aber auch die BRIC-Börsen nun eine Verschnaufpause ein. In den letzten Monaten wurde eine Konjunkturerholung eingepreist. Kommt sie aber nicht, wird es auch an der Börse wieder abwärts gehen, wobei das zweite Quartal schon einige Hinweis, aber wohl auch noch nicht vollständige Klarheit geben wird. Warten wird also auf die nächsten Nebelkerzen, bleibe aber nicht bei dem Prinzip Hoffnung, sondern sehen den Realitäten offen ins Auge. Die Realitäten sind immer noch Produktionskürzungen, Aufbau von Lagern, angespannte Finanzsituation (Liquiditätsengpässe bei hohen Fremdfinanzierungskosten) und die Notwendigkeit, Überkapazitäten abzubauen, sprich: Mitarbeiter zu entlassen. Allerdings glaube ich auch, dass es sich in einigen Branchen schon wieder leichte Erholungstendenzen im 2. Halbjahr geben wird. Diese reichen aber nicht aus, um die Mega-Steuerausfälle kompensieren zu können. Die Staatskassen werden also weiter leer bleiben und die Haushaltslöcher werde immer größer (in Deutschland 70-90 Mrd. € im nächsten Jahr und 300 Mrd. € bis 2012, das ist eine gewaltige Herausforderung für Wirtschaft und Staat. Das wird hart Realitäten auch die Börse schaffen. Eine Realität ist auch, dass die 40. Bank in den USA Pleite gegangen ist ohne großen Schaden anzurichten. Die Anzahl der Wertpapierkredite ist wieder leicht gestiegen und auch die Anzahl der Leeverkäufe, was wider zum einem Short-Squeeze führen könnte. Dies zeigt, dass die Anleger allmählich wieder zurück kommen, aber nicht mehr in dem Ausmaß wie 20008, da zuviel Vertrauen zerstört und Porzellan zerschlagen wurde.

Für mich befinden sich die großen Weltbörsen überwiegend nach wie vor in intakten Bärmärkten, wobei sich in den nächsten Monaten entscheiden wird, ob es sich schon um eine Trendwende handelt oder wir die alten Tiefstkurse noch einmal testen müssen. Die 200-Tageslinie ist immer noch fallend. Die scharfe Korrektur der letzten beiden Wochen war vorhersehbar. Damit befinden sich DAX und Dow Jones schon wieder im Minus seit Jahresbeginn und das große „Gezitter“ geht wieder los. Hier bleibt es also per Saldo bei der volatilen Seitwärtsbewegung seit Jahresbeginn. Die Emerging Markets, allen voran die „BRIC“-Börsen liegen hingegen immer noch deutlich 30-50% vorne, so dass sich hier sogar ein Investment seit Jahresbeginn lohnte. Dafür haben sie im letzten Jahr aber auch deutlich mehr an Wert verloren. Viele deutsche Anleger haben aber diese großen Trading-Chancen verpasst, dass sie immer noch die Wunden aus dem Vorjahr lecken. Insbesondere an der Moskauer Börse ergaben sich seit März aber Kursverdoppelungschancen auf die ich im EAST STOCK TRENDS (www.eaststock.de) auch rechtzeitig hingewiesen habe,

Am Freitag schloss der DAX mit einem Minus von 24 Indexpunkten bei 4776 und der Dow Jones mit einem Minus von 34 Indexpunkten bei 8438, bzw. der marktbreitere S&P mit einem Minus von 1,36 Indexpunkten bei 918 Indexpunkte. Dabei schwächte sich der Dollar auf 1,40 EU/USD ab. Der Ölpreis stabilisierte sich bei 69 USD/Barrel (WTI) und der Goldpreis bei 938 USD/Unze. Der RTS-Index schloss leicht unter der 1000-Marke bei 955 Indexpunkten, was ein erstes Warnsignal für eine bearishes Szenario bildet. Es kann gut sein, dass die Märkte zunächst seitwärts tendieren bzw. sich leicht erholen; so richtig bearish wird es erst wenn der S&P unter 875 fallen sollte. In diesem Fall sollte auch der Anleger an den Ostbörsen verstärkt in Liquidität gehen, wenn er nicht schon im Trading-Bereich in Liquidität gegangen ist. Bei über 925 entsteht aber ein Kaufsignal, so dass dann auch die Ostbörsen leicht nach oben tendieren werden und sich ein Positionsaufbau unter Tradinggesichtspunkten lohnen könnte. Russlandanleger sollten bei einem RTS von unter 900 weitere Positionen glatt stellen bzw. Stopp-loss-Marken beachten, denn dann ist endgültig der kurzfristige Haussetrend seit März gebrochen. Charttechnisch entstehen also anstelle von Nebelleuchen die ersten Warnleuchten. Analysten dürfen weiter rätseln, ob es sein dabei mittelfristig um ein V, W, U, L oder M handelt. Die Börse wider in jedem Fall als bester Kenne der Wirtschaft der wirtschaftlichen Entwicklung vorauseilen und Frühindikator für die Wirtschaft werden, die noch nicht in Ordnung ist.

Welche Aktien aus Osteuropa jetzt im Trading-Bereich ge- oder verkauft werden sollten, können Sie auf der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min) entnehmen.

TV-Hinweis: Der Autor wurde am Dienstag, den 23. Juni 2009 um 13.15 Uhr in NTV/Telebörse über die Aussichten an der Warschauer Börse und die neuen Chancen in Polen befragt. Die Warschauer Börse ist der zweigrößte Finanzplatz in Osteuropa und verdient mehr Beachtung. Sie können sich das TV-Interview unter www.teleboerse.de/geldanlagcheck oder alle Interviews von dem Autor in diesem Jahr unter www.eaststock.de herunterladen.

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