Krieg hinter den Kulissen

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Samstag, 13. September 2008 18:11:00

Dieses Wochenende ist so spannend wie selten zuvor: zunächst hat der Hurrikan „Ike“ Texas erreicht, wo schon ein Schaden von 100 Mrd. USD befürchtet wurde. Deswegen brach die Versicherungsaktie AIG am Freitag auch um 30% an der Wall Street ein. 13 Raffinerien haben ihren Betrieb für 1-2 Tage eingestellt, nehmen ihn aber nun wieder bald auf. Damit fiel für einige Tage 15% der US-Kraftstoffproduktion bzw. 2,8 Mio. Barrel am Tag aus. Ike“ hätte in Houston aber auch eine Sturmflut auslösen, was aber nicht der Fall war. „Ike“ hatte einen Durchmesser von über 1000 km und brachte bei 170 Stundenkilometern sehr viel Wasser mit. Die Dämme haben aber gehalten. Über 4 Mio. Menschen sind jetzt in Houston ohne Strom und das wahrscheinlich über 1 Woche lang. Bisher wurden „nur“ 3 Tote gemeldet. Das Auge des Sturms ging östlich von Houston vorbei. Die gute Nachricht: es war kein Hurrikan der Stufe 4, sondern nur der Stufe 1-2. Wir werden sehen, welche Schäden „Ike“ tatsächlich angerichtet hat, aber es war wohl nicht so schlimm wie befürchtet (daher AIG kaufen). Ich rechne am Montag mit steigenden Kursen an der Wall Street.

Erstaunlich und gleichzeitig bezeichnend ist, dass der Ölpreis am 12. September nur leicht auf 102 USD/Barrel gestiegen war. Vor einigen Monaten hätte eine solche „Horror-Meldung“ wie „Ike“ einen Kursanstieg um 10 USD/Barrel herbeigeführt. Dies deutet mehr darauf hin, dass der Ölpreis auf unter 100 USD/Barrel fallen wird, zumal, wenn „Ike“ nur das Format von „Gustav“ hatte, also weniger Schäden anrichtete als erwartet. Allerdings sinken schon wieder die US-Lagerbestände, so dass der Ölpreis mittelfristig wieder anziehen dürfte. Ich rechne mit einer Trading Rang von 80-120 USD/Barrel in den nächsten Monaten.

Nach der staatlichen Zwangsverwaltung bei dem Hypothekenbank Fannie Mae und Freddie Mac steht an diesem Wochenende das Schicksal der US-Traditions-Investmentbank Lehman Brothers auf dem Spiel. Lehman Brothers (LB) meldete einen Quartalsverlust von 3,9 Mrd. USD, wobei die Bilanz-Zahlen absichtlich vorverlegt wurden, um eine vollständigen Verkauf zu ermöglichen. Eine koreanische Bank hat sich aber zurückgezogen. Dafür zeigen jetzt angeblich die Bank of America und Barclays Interesse an einer Übernahme, wobei kurioserweise das US-Finanzministerium als Vermittler agiert. Die Markte Cap von LB schrumpfte schon auf unter 2 Mrd. € zusammen. Dies wäre ein „Schnäppchen“ für chinesische Banken oder russische Oligarchen, aber die sind nicht willkommen (wie bei der IKB Bank oder Dresdner Bank zuvor). Der Kurs von LB brach am 11. September noch einmal um 40% auf 3 € ein und gab am 12. September auf das Allzeit-Tief von 2,67 € intraday nach. Im Mai befand sich der Kurs noch bei 30 € und im letzten Jahr bei 60 €. Wenn eine Aktie um über 90% fällt, ist das Unternehmen ein akuter Konkurskandidat, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die amerikanische Notenbank im Fall von Bear Stearns Garantien im Volumen von 30 Mrd. USD zur Verfügung stellt, um damit den Einstieg von JP Morgen zum Schnäppchenpreis von 2 € zu ermöglichen, und LB leer ausgeht.

Ich verstehe nicht, wieso sich die Deutsche Bank für 2,8 Mrd. € zu 29% an der Postbank beteiligt und nicht für 2 Mrd. € ein Übernahmenangebot bei Lehman Brothers macht, um seine Position auf dem US-Markt auszubauen. Lehman Brothers will seinerseits das Investmentbankinggeschäft und Immobilien verkaufen, um nicht in Konkurs zu gehen, aber was bleibt dann noch übrig? Der nächste Pleitekandidat nach Lehman Brothers ist die US-Investmentbank Merrill Lynch. Bisher sind in den USA 11 Banken Pleite gegangen, wer wird die nächste sein? Auch Wachovia Corporation, einer der größten Bank der USA, hängt am seidenen Faden. Der größte Versicherungskonzern der Welt AIG ist nicht mehr der größte Versicherungskonzern der Welt, denn er verlor am Freitag 30% an Wert, da die Anleger vermuteten, das „Ike“ einen Schaden von 100 Mrd. USD am Wochenende anrichten könnte! Zudem muss AIG wahrscheinlich weiter Mrd-Abschreibungen aufgrund von Kreditderivaten auf Anleihen von Fannie Mae und Freddie Mac melden. Auch hier werden neue Mega-Abschreibungen erwartet. Viele Versicherungen sind jetzt in den USA auch am Rande der Pleite. Hoffentlich gehen nicht Lehman Brothers und auch nicht Merrill Lynch Pleite, denn dann haben die USA und auch die Weltbörsen ein Problem, was sie nicht so schnell verkraften werden. Dann ist auch ein Crash an den Weltbörsen möglich.

Schon jetzt stehen wir kurz vor einem Systemkollaps mit den Harakiri-Aktionen der Notenbanken und des US-Staates. Man muss sich einmal vorstellen, das die Notenbanken Fannie Mae und Freddie Mac 1,5 Billionen USD geliehen und damit zwei Unternehmen Geld anvertraut haben, die faktisch Pleite sind, aber nicht Pleite gehen dürfen, weil sie ein Anleihenvolumen von 5 Billionen USD haben. Der US-Staat war bisher „nur“ mit 9,6 Billionen USD verschuldet; nun kommen 5 Billionen USD hinzu, denn die Schulden von Fannie Mae du Freddie Mac wandern nun vollständig in die Bücher des Staates - angeblich nur für ein Jahr, was ich aber nicht glaube. Damit kommt die USA jetzt auf das Verschuldungsniveau von Italien und Japan, wie überhaupt die Parallelen Japan (erst Immobilien-Crash, dann Bärmarkt bei Aktien für fast 20 Jahre!) offensichtlich sind. Die BIZ und die FED arbeiten gerade fieberhaft an einem neuen Krisenprogramm, wie sich Notenbanken gegenseitig helfen können, um einen Systemkollaps oder eine Crash-Situation an den Weltbörsen wie 1929 zu vermeiden – hoffentlich nicht zu spät, denn für viele Banken heißt es schon jetzt: „Last Margin Call! Viele Anleger sind immer noch ahnungslos und begreifen nicht, was sich gegenwärtig vor und hinter den Kulissen im Finanzsektor abspielt. Für die Anleger heißt es jetzt „Last Wake up Call!“

Auch glaube ich nicht daran, dass das Haushalsbilanzdefizit in den USA im nächsten Jahr „nur“ 483 Mrd. USD, sondern weit über 500 Mrd. USD betragen wird. Das BSP-Wachstum von 3,3% im 2Q08 ist ebenso geschönt wie die Arbeitslosenzahlen, was auch zum Wahlkampf gehört. Viele US-Hedgfonds sind jetzt am Rande der Pleite, was auch dazu führt, das Rohstoffpreise und Kurse an Emerging Markets durch unlimitierte Zwangsliquidierungen in den Keller fallen. Auch dies ist ein Grund für den dramatischen Kursverfall an der Moskauer Börse um über 40% in wenigen Wochen. Möglich ist sogar eine militärische Aktion (gegen Iran?) oder einem „selbst initiierten“ Terroranschlag von oder in den USA, um McCaine eine bessere Ausgangssituation als „Hardliner“ und „Kämpfernatur“ im Wahlkampf zu verschaffen. Auch ein Iran-Krieg ist nach dem Georgien-Krieg, der für McCaine „willkommen“ wäre, nicht ausgeschlossen.

Die nächste Woche wird auch von der Markttechnik geprägt werden, was auch indirekter Wahlkampf ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der US-Markt vor der Präsidentschaftswahl am 4. November noch einmal einbrechen wird. So auch am Freitag war der US-Markt stabil: trotz der hohen Risiken und „Ike“ schloss der S&P sogar mit einem knappen Plus von 2 Punkten bei 1252 Indexpunkten und der Dow Jones schloss im Wochenverlauf auch mit einem leichten Plus von 2% ab. Das „Plunge Protection Team“ wird dann wieder massiv eingreifen, wenn der Dow Jones droht abzustürzen und das wäre bei der Marke von unter 11000 Indexpunkten. Dann würde auch der DAX unter 6000 Indexpunkte fallen mit Potential bis 5600 Indexpunkte. In diesem Fall lohnen sich kurzfristig Short-Positionen beim Dow Jones, S&P oder DAX, was auch über ETFs möglich ist. Ich rechne aber mit einer leichten Kurserholung, wenn Lehman Brothers gerettet wird und „Ike“ nicht die Wirkung hat wie man befürchtete.

Zwischenzeitlich wird es einen „Krieg hinter den Kulissen“ zwischen den beiden Weltmächten USA und Russland geben. Die USA bemühen sich auf diplomatischer Ebene Druck auf Schweden auszuüben, damit Schweden nicht den Bau der nordischen Pipeline genehmigt. Russland bietet der OPEC eine Kooperation an, um die Ölpreise unter Kontrolle zu bekommen und möglicherweise auch als Waffe gegen die USA benutzen zu können. Zudem hat Russland einen heißen Draht nach Venezuela, wo der US-Botschafter schon ausgewiesen wurde. Russland wird seine Kontakte nach Syrien ausbaue, um die USA zu ärgern. Auch könnte es demnächst einen verschärften Iran-Konflikt geben, wo Russland als Lieferant der Technologie für das Atomkraftwerk, das im Herbst ans Netz gehen soll, eine strategisch bedeutsame Rolle spielt.

Eines dürfte klar sein: Georgien und Ukraine werden mittelfristig in die NATO aufgenommen, vielleicht schon nächstes Jahr, was sicherlich wiederum eine erneute Provokation gegenüber Russland darstellt. Wie wird Russland darauf reagieren? Dann stehen sich im Konfliktfall à la Georgien auf einmal russische Kriegsschiffe und NATO-Kriegsschiffe im Schwarzen Meer unmittelbar gegenüber. In Sevastopol sind immer noch die russischen Kriegsschiffe (oder sind es auch „Friedenstruppen“) aus alter Sowjetzeit stationiert, was den Ukrainern schon lange ein Dorn im Auge ist; sie sollen bis spätestens 2017 abziehen. Bis dahin kann aber noch viel passieren. Auch die Krim ist überwiegend von Russen beherrscht und viele haben dort auch einen russischen Pass und sprechen nur russisch. Mein Vorschlag an die NATO: nimmt auch Russland in die NATO auf und konstruiert keine falschen Feindbilder. Es wäre nicht auszudenken, wenn russische und amerikanische Kriegschiffe realtiter sich einmal feindlich gegenüberstehen. Dann ist es völlig unwesentlich, wer dann wen zuerst angegriffen hat, was jetzt ein EU-Untersuchungsausschuss beim Georgien-Krieg zu Tage bringen will. Dann wird es nur einen Verlierer geben: die Welt! Die Spionage und Geheimdienstaktivitäten haben sich deutlich beidseitig (USA/Russland) erhöht. Und beide suchen jetzt strategische Partner, die sich jeweils feindlich gegenüberstehen. Ich nenne das Krieg hinter den Kulissen. Es ist jetzt wichtiger denn je, über eine neue Sicherheitsarchitektur mit Russland „auf Augenhöhe“ zu reden, die nicht einseitig von den USA dominiert wird, und dafür klare Regeln aufzustellen, bevor es zu spät ist und die Dinge eskalieren.

Es könnte auch im Hinblick auf den US-Wahlkampf also einen „heißen Herbst“ an den Weltbörsen geben. Möglicherweise schlägt sich Russland jetzt ganz provokativ auf die Seite des Irans bei der Frage, ob und wann das Atomkraftwerk ans Netz gehen soll. Dies könnte sogar einen zweiten „Stellvertreter-Krieg“ auslösen. Zudem droht ein Handelskrieg USA/Russland. Die USA haben angeblich erheblich Kapital von der Moskauer Börse abgezogen und damit einen Kurssturz ausgelöst, möglicherweise auch um Russland zu destabilisieren. Russland hat seinerseits schon ein Importverbot für Geflügel für die USA ausgesprochen, wie zuvor gegen Polen für angebliches Gammelfleisch. Medwedew/Putin werden aber auch dafür sorgen, dass das Kapital wieder nach Russland zurückkehrt notfalls durch Käufe von Pensionskassen und befreundeten Oligarchen. Dagegen steht angeblich der Oligarch Roman Abramovich auf der Abschussliste des Kremls. Die Notenbank stützte schon zuvor den Rubel, womit die Währungsreserven um 6 Mrd. USD abnahmen. Zudem rechne ich mit Aktienrückkaufprogrammen von Blue Chips. Nach dem Crash am 9. September an der Moskauer Börse mit einem Kursverlust von 7%, tendierten die Aktien am Freitag an der Moskauer Börse freundlich.

Welche Richtung die Börse nimmt und wie Sie sich dann verhalten sollen, können Sie der täglich aktualisierten „Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min) entnehmen. Meine wöchentlichen Kolumnen und Analysen können Sie ab sofort unter www.andreas-maennicke.de kostenlos abrufen, wenn Sie sich dort registrieren.

Hinweise: Am 12. November findet das nächste ESI-Ostbörsen-Seminar „Go East!“ um 18.00 Uhr in Frankfurt/M (gleich nach dem EK-Forum) statt. Dort werden neben den Chancen an den etablierten Ostbörsen auch die neuen Chancen an den Börsen in Südosteuropa, Zentralasien und den GUS-Republiken ausgelotet. Referent ist neben Andreas Männicke der Ostbörsenexperte Stefan Laxhuber. Bitte melden Sie sich rechtzeitig an unter ESI GmbH; Jüthornstr. 88, 22043 Hamburg, Tel: 040/6570883, Fax: 040/6570884, E-Mail. info@eaststock.de . Das nächste Live-TV-Interview über den Balkan mit Andreas Männicke findet am 19. September in der 3SAT/Börse um 21.30 Uhr (www.3Sat.de/boerse) statt.

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