Emotionen kochen hoch – alles verkaufen?

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Sonntag, 07. Dezember 2008 15:20:00

Der Berliner Börsentag war am 6. Dezember eines der letzten “öffentlichen Stimmungsbarometer“ in Deutschland in diesem Jahr und insofern von Bedeutung. Ich selbst habe dort einen Vortrag über das Thema „Jahrhundertkrise = Jahrhundertchance – auch für Russland?“ gehalten. Der Raum war relativ gut gefüllt, was zeigt, dass das Interesse für die Aktien (auch aus Osteuropa) noch nicht (ganz) gestorben ist. Während ich im Krisenjahr 1998 noch wagemutig ein Ausrufungszeichen hinter das gleiche Thema gemacht habe, also in der Tat damals nach dem Kurseinbruch von 80% eine Jahrhundertchance für Anleger in Russland kommen sah, habe ich diesmal ganz bewusst die Frageform gewählt. Auch habe ich das Auditorium gefragt, wie sie die Börse a) bis Ende des Jahres und b) bis Ende 2009 einschätzten. Es gab sehr viele, die an eine Jahresendrallye glaubten, aber auch viele, die äußerst skeptisch für 2009 waren.

Ich selbst habe meine skeptische Haltung, die ich übrigens aber auch schon Ende letzten Jahres in diversen Kolumnen und auch im EAST SOTCK TRENDS kundgetan habe, noch nicht aufgegeben, da die globalen Risiken so mannigfaltig und schwerwiegend sind, dass man unmöglich eine seriöse Prognose für das nächste Jahr machen kann. Die Kernfrage für mich ist, ob sich die Finanzmärkte im Laufe nächsten Jahres wieder normalisieren können. Jeder Anleger kann sehr gut an den anormal hohen Spreads im Anleihenbereich erkennen, dass wir es noch mit extrem anormalen Ausnahmesituationen zu tun haben. In Afrika ist ein Großteil der Bevölkerung mit Aids infiziert und der tödliche Virus wandert um den ganzen Globus; Amerika ist auch ein kranker Patient, der die Welt in Windeseile infiziert hat. Wir brauchen dringend Instrumente, die Amerika helfen – ohne Währungsreform – aus der Verschuldungsfalle zu kommen. Aber hier ist guter Rat teuer bzw. gar nicht vorhanden.

Auf dem Papier sind osteuropäische Aktien mit einem Durchschnitts KGV08 von 6 (in Russland einem KGV von 3!) so preiswert wie noch nie. Allerdings weiß keiner, wie stark die Gewinne in 2009 einbrechen werden. Und keiner weiß, wie die Weltwirtschaft in 2010 aussehen wird. Das ist die „Black Box“. Wenn man die Zahlen vom 3. Quartal 2008 zugrundelegt, so ist eine derartig niedrige Bewertung wie wir sie jetzt vorfinden, fundamental nicht nachvollziehbar. Auch wenn man sich die Situation bei der Bevölkerung in Russland und anderen osteuropäischen Ländern ansieht, so ist dort die Mega-Krise offensichtlich noch nicht erkennbar angekommen, wohl aber bei einigen Oligarchen, die sich zu stark fremdfinanziert haben. Die russischen Oligarchen haben in diesem Jahr 230 Mrd. USD verloren, denn die Moskauer Börse ist über 70% gefallen und die Mehrheit der Aktien gehören dem Oligarchen und dem Staat. Die Bevölkerung ist nur mit 1% an Aktien beteiligt und hat daher den Crash an der Börse gar nicht so richtig mitbekommen. In den russischen Medien wird auch weit weniger über die Finanzkrise berichtet als in hiesigen Medien. Putin hat der Bevölkerung versprochen, dass es keine Rubelkrise wie 1998 geben wird. Er macht die USA für die globale Finanzkrise verantwortlich, gesteht aber erstmals ei, dass sich auch Russland in einer Finanzkrise befindet. Bei einer Normalisierung der Spreads im Anleihenbereich und einer Normalisierung der internationalen Geldkreisläufe, wären osteuropäische Aktien, allen voran russische Aktien, jetzt ein „strong buy“.

Es gibt aber noch so viel Mega-Risiken im Markt, die noch nicht abgearbeitet und auch noch nicht eingepreist sind und das sind solche Themen, wie Deflation bei Stagnation (ist viel schlimmer als moderate Inflation), solche Themen wie Depression (also Massenarbeitslosigkeit bei Industrieländern), wie Überschuldung des Staates und Misstrauen bei Staatsanleihen (Kalifornien ist schon Pleite, viele Kommunen in den USA werden noch Pleite gehen, wann ist die USA Pleite?), wie Defaultgefahren bei Anleihen von General Motors, wie Währungsturbulenzen bis zur Frage , die man auch hier im TV nicht öffentlich stelle darf: kommt es zu einer Währungsreform? Noch sind das alles diese Horrorszenarien Hirngespinste und nicht Realität.

Auch haben wir noch keine – und das möchte ich betonen - globale Wirtschaftskrise, auch wenn die Auftrageingänge dramatisch zurückgegangen sind, aber sie kann im nächsten Jahr kommen. Ich erinnere nur an den oft zitierten Index für Frachtraten, der im Keller ist. Es hat den Anschein, dass in vielen Bereichen die Wirtschaft von 100 auf Null in Windeseile zum Stillstand kommt. Aber kommt sie das wirklich? Stehen alle Maschinen schon still? Viele Sektoren habe aufgrund des Wirtschaftsaufschwung Überkapazitäten aufgebaut; diese werden jetzt heruntergefahren, was auch zu Entlassungen führt. Das ist ein normaler Vorgang in unserem System. Auch Pleiten von Unternehmen, die am Markt vorbeiproduzieren (wie die US-Automobilindustrie) und dafür bestraft werden, ist ein normaler Vorgang der Marktwirtschaft. Leidtragenden sind dabei wiederum auch arbeitende Menschen, die nichts dafür können. Dafür hatten wir auch weltweit drei sehr gute Jahre – auch an der Börse - , wo sehr viel Speck angesammelt wurde. Noch jammern wir also alle auf relativ hohem Niveau. Die Zinssenkung der EZB um 75 Basispunkte auf 2,5%, die viel zu spät kommt, und auch die Billionen-Konjunktur-Programme zeigen aber an, dass die Währungsexperten und die maßgeblichen Politiker Angst vor der Zukunft haben.

Jede dieser Maßnahmen, die jetzt beschlossen wird, hat aber Wirkungen und Nebenwirkungen, die sich erst in der Zukunft zeigen so wie Greenspan jetzt als Prügelknabe für die entstanden Blasen herhalten muss. Dabei sind alle Menschen, die kaufen, an der Blase beteiligt bzw. sie lassen sich auf Prozesse ein, die in Gang gesetzt wurden und dann seien Lauf nimmt. So sind schon lange Prozesse im Gang, die jetzt ihren Lauf nehmen. Die Aufklärung hierüber ist immer noch viel zu gering. Was heute passiert, kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern beruht auf Entscheidungen der Vergangenheit und (allzu) blindem Vertrauen in der Vergangenheit, dass diese Entscheidungen richtig waren und nicht rechtzeitig korrigiert wurden. Es fehlte das korrigierende Feed back bei Ratingen-Agenturen, Wissenschaftlern, „Experten“ (global expert) und bei Medien, weil sich der Mainstream und nicht die Querdenker durchgesetzt haben. Dennoch rate ich schon jetzt zum strategische „What-if-thinking“ im Sinne der Szenario-Technik, um sich auf die Zukunft auch mental besser vorzubereiten. Dazu gehören dann auch verschiedene Lösungsansätzen für das jeweilige Szenario. Daran mangelt es noch weltweit, da es eine globale Krise dieses Ausmaßes noch nie gab.

Ich selbst befasse mich - wie Sie wissen - sehr intensiv mit diesen brennenden Themen, da sie meine und Ihre Zukunft betreffen. Ich lese u.a. schon lange sehr gern die Analysen von dem US-Ökonom Nouriel Roubini, der den Crash schon lange kommen sah und jetzt vor allem – zu recht – auf die Gefahren einer globalen Deflation – das Schreckgespenst für jeden Volkswirt – hinweist. Was mir fehlt – und ich wundere mich warum das nicht schnellstens zustande kommt, ist, dass jetzt die Finanzmarktexperten der G20 beim nächsten G20 Gipfel zusammenkommen und dann im monatlichen Rhythmus Lösungsvorschläge erarbeiten, wie die Welt gerettet werden kann bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist - erst im Brainstorming, dann aber auch als Lösungskonzept. Solange dies auch im Ansatz nicht vorliegt, haben wir es als Marktbeobachter und Markteilnehmer mit einer „Black Box“ zu tun. Und wohin uns die staatlichen Rettungsprogrammen im Billionenbereich und die Zwangs-Verstaatlichungsaktion, in den nächsten Jahren bringen werden, wissen wir auch nicht.

Wir haben es jetzt mit einem eigenarteigen Gemisch von post-reaktiven Maunahmen der Notenbanker mit ihren Gelddruckmaschinen und den mehr vorbeugenden Maßnahmen der Politiker mit ihren Konjunkturprogrammen, die dem Steuerzahler viel Geld kosten werden, zu tun und keiner weiß wie sie wirken werden. Auch weiß keiner, welche Nebenwirkungen sie im worst case in Zukunft haben werden. Sind sie etwa die Vorboten einer Währungsreform? Wenn die Politiker weltweit nur auf Konjunkturprogramme setzten, die nicht im Grunde schon jetzt nicht finanzierbar sind, wird der einzige Ausweg früher oder später eine Währungsreform werden. Die Historiker werden diese Zeit in der wir jetzt leben, also historisch bezeichnen und sicherlich auch einige Erklärungsansätze finden. Nur das nützt uns jetzt auch herzlich wenig. Kurzum: die Systemkrise wird uns noch lange beschäftigen und die Ratlosigkeit der Experten, mit dieser Situation richtig umzugehen, dürfte noch eine ganze Zeit andauern.

Putin verbietet den Medien, zu oft öffentlich auf die Krise hinzuweisen; insofern ist die Krise dort auch noch nicht in den Köpfen angekommen, auch wenn dort jetzt der Konsum allmählich nachlässt. Sicherlich verstärken auch die Medien die Krise, aber sie machen sie auch transparent, wenn auch die Ursachenforschung selbst unter Beteiligung des FBI diesmal auf der Strecke bleibt. Ich frage mich aber, warum die Medien schon nicht im letzten Jahr viele Themen, die jetzt „notgedrungen“ diskutiert werden, zur Sprache gebracht haben. Noch tappen also die meisten Expetern auch auf Vorstandsebene im Dunkeln bzw. stochern im Nebel. Es herrscht eine gewisse Sprach- und Hilflosigkeit über das, was im Moment erst im Finanzsektor und nun in der Realwirtschaft passiert.

Symptomatisch dafür war auch der Vortag des Öl-Serviceunternehmens C.A.T. Oil AG beim Berliner Börsentag. Es kam klar zum Ausdruck, dass die Gesellschaft sehr gut in Russland und Kasachstan mit hochmotivierten Mitarbeitern aufgestellt ist. Die CA.T. Oil AG hat in diesem Jahr viel in die Zukunft investiert, was das Nettoergebnis belastete. Dies quittierten die Anleger mit Verkäufen. Zudem trennten sich amerikanische und kanadische Hedgefonds schon frühzeitig von Small Caps im Energiesektor, worunter auch alle Öl- und Gold-Juniors in diesem Jahr besonders litten. Der Kurs brach schon im letzten Jahr, in diesem Jahr aber noch dramatischer um über 90% ausgehend vom Hoch von 25 auf unter 2 € ein, obwohl Umsätze und EBITDA ansteigen.

Nur ist auch ein solches Unternehmen – wie alle auf der Welt, abhängig von Folgeaufträgen. Es ist und bleibt in der Tat beängstigend, wie stark und abrupt sich die Auftrageslage in fast allen Branchen seit Oktober/November 2008 rund um den Globus verschlechtert hat. Die Aufträge im Ölservice-Sektor werden jetzt für das nächste Jahr in Russland ausgeschrieben. C.A.T Oil mit Sitz in Wien steht damit u.a in Konkurrenz zu Schlumberger und ist durchaus konkurrenzfähig, wobei Gazprom vor kurzem eine „strategische Partnerschaft“ mit Schlumberger im Technologiebereich angekündigt hat. Man darf gespannt sein, wie sich die Auftragslage der Öl-Serviceunternehmen jetzt und im nächsten Jahr auch in diesem Sektor bei einem dramatisch fallenden Ölpreis sich gestaltet. Der Ölpreis befindet sich weiterhin im freien Fall. Nach den neuen Analysen von Merrill Lynch könnte der Ölpreis im nächsten Jahr sogar auf 25 USD/Barrel fallen, falls es eine scharfe Rezession gibt. Dann hat Russland sicherlich ein großes Problem, weil dann neu Ölfelder nicht exploriert werden. Auf der anderen Seiet verbessern sich die Handelsbilanzen für viele osteuropäische Länder und auch der USA, wenn der Ölpreis auf 25 USD/Barrel fallen sollte.

Das Hauptproblem sehe ich aber in den wirtschaftlichen Niedergang in den USA und der zu hohen Verschuldung in den USA. Nachgeliefert wurde, dass sich die USA schon seit einem Jahr in einer Rezession befinden, womit alle Zahlen zuvor (absichtlich?) geschönt waren, was mich nicht überrascht hat. Auch die grottenschlechten Arbeitslosezahlen am Freitag haben mich nicht überrascht. Im Gegenteil: ich erwarte eine Arbeitslosenquote von über 10% in den USA im nächsten Jahr und ich erwarte auch noch eine Kreditkartenkrise. Ich rechne damit, dass Ford, Chrysler und General Motors zunächst 34 Mrd. USD – mit Auflagen versehen – bis Jahresende als Soforthilfe bekommen werden, denn sonst hätten wir sehr schnell den Super-Gau in der Realwirtschaft – und einen Crash an den Weltbösen obendrein. Sie werden aber so oder so Mitarbeiter entlassen müssen.

Ich meine daher, dass der Anleger aufgrund der hohen Unsicherheiten weiterhin eine hohe Cashquote von 70% behalten sollte, aber mit 10-30% auch selektiv traden sollte, um zum Beispiel die Chancen einer Jahresendrallye mitzunehmen. Auch dies geht aber nicht ohne Stopp-loss-Marken. Ich habe in meinem Vortrag betont und betone das auch hier, dass, wenn der Dow Jones Index nachhaltig unter 8000 (noch schlimmer 7500) Indexpunkte geht, die Anleger dann auch rigoros nicht nur deutsche, sondern auch osteuropäische Aktien verkaufen sollten.

Ich gehe nicht so wie weit wie der auch durch N-TV bekannte Börsenkommentator Herman Kutzer (Kutzer Corner) , der bei seinem Vortrag beim Berliner Börsentag wie schon zuvor dazu rät, alle Aktien schon jetzt zu verkaufen und das Geld auszugeben, um den Konsum anzukurbeln oder einer Stiftung zu vermachen. Wir brauchen auch in Zukunft Aktionäre, ja wir brauchen sogar spekulativ eingestellte Aktionäre, denn ohne Eigenkapital (auch der Aktionäre) funktioniert keine Wirtschaft der Welt. Im Gegenteil: wenn jetzt der Deleveraging-Prozess erst beginnt, muss es auch wieder einen (Re-) Kapitalisierungsprozess – nicht nur bei Banken - auch über neue Anleger geben, sprich: es muss auch in Zukunft Kapitalerhöhungen, IPOs und eigenfinanziertes Private Equity geben, um auch in Zukunft Innovationen und Zukunfts-Investitionen nicht nur im Infrastrukturbereich finanzieren zu können. Denn sonst wären der Kapitalismus in der Tat am Ende und jegliche Aktienkultur auch!

Sicherlich sind Ethikdiskussionen – auch um Managementgehälter - sinnvoll und richtig. Sie sind nicht Fehl am Platze, sondern könnte sogar einen Paradigmawechsel in der Finanzwelt einleiten. Was sich die Vorstände von Lehman Brothers und AIG (u.a) geleistet haben, macht Anleger zu Recht wütend. Die von Frank Meyer (NTV) moderierte„ Generaldebatte“ bei der Hauptdiskussionsrunde beim Berliner Börsentag über das Thema „Rezession und Bankenpleiten – wie sicher ist mein Geld“ zeigte aber auch, dass das Thema „Angemessenheit von Managergehältern“ jetzt zu viel Gewicht bekommen. Die Emotionen kochten zum Schluss hoch und es kam zum Teil sogar zu Beleidigungen, wobei diesmal die Diskussionsteilnehmer Klaus Martini (Private Wealth Management, Deutsche Bank AG ) und Michael Schubert (Direktor Capital Markets, Landesbank Berlin) als „Prügelknaben“ in der lebhaft geführten Diskussionsrunde herhalten mussten. Dies ist sicherlich auch Ausdruck der verzweifelten Anleger, die einen so hohen Kursverlust wie in diesem Jahr noch nie zu verkraften hatten - auch nicht in den Baissejahren 2000 bis 2003. Dabei hat es jeder Anleger grundsätzlich wesentlich einfacher als ein Fondsmanager oder Vermögensverwalter, da diese – auch oft aufgrund interner Reglementierungen – ganz selten zu 100% in Cash gehen. Der Privatanleger kann das aber und er kann dass auch für eine ganze Weile bleiben. Dies wäre allerdings bei allzu langer Abstinenz schädlich für die Aktienkultur, die eine sehr zarte Pflanze gerade in Deutschland ist. Das Prinzip der Selbst- und Eigenverantwortung ist bei Aktionären offensichtlich immer noch wenig ausgeprägt.

Es kann gut sein, dass die Haupotversammlungen im nächsten Jahr auch überwiegend von Emotionen getragen werden und hochdotierte Bankmanager – oder auch alle hochdotierten Manager – an den Pranger kommen. Sicherlich wird Wendelin Wiedeking auch im nächsten Jahr nicht dazu gehören, denn Porsche erzielte im letzten Jahr mit VW einen Gewinn mit VW von 3,7 Mrd. € bei einem operativen Gewinn von 0,7 Mio. €. In diesem Jahr wird das Finanzergebnis durch VW wahrscheinlich auf 6,8 Mrd. € bei einem operativen Gewinn von 1 Mrd. deutlich gesteigert, was aber auch bei Porsche der Kursverfall nicht aufhalten könnte. Dem Porsche Finanz-Vorstand gebührt Anerkennung für den wohl weltweit besten Deal des Jahres mit VW-Optionen nur hat das leider wenig mit dem operativen Geschäft zu tun.. Möglichweise droht dennoch eine Klage der Hedgefonds, die Short waren und Milliarden verloren. Auch das ist Marktwirtschaft: des einen Freud ist des anderen Leid. Die Börse kam mit dieser Situation auch nicht klar, denn VW wurde ein Tag bei 1000 € zum marktschwersten Titel der Welt, was grotesk ist.

Wiedeking war und bleibt der bestbezahlte deutsche Manager mit einem Jahresgehalt von über 100 Mio. € aufgrund der hohen Optionen – ganz nach dem amerikanischen Vorbild. Wie wir wissen sind das aber ganz normale Gehälter bei den Ex-US-Investmentbanken, die ihr Unternehmen in den Ruin führten. Wenn sich aber jeder Aktionär ehrlich befragt und in den Spiegel schaut, sollte er sich die Frage beantworten, ob er selbst hohe Managergehälter ablehnen würde, wenn sie ihm angeboten werden und sie auch mit hohen Gewinnen der Gesellschaft abhängen. Problematischer wird es schon, wenn bei hohen Verlusten bis zu Konkursgefahren noch hohe Boni ausbezahlt werden. Die sollte demnächst von den Aufsichtsräten unterbunden werden, denn die machen die Verträge mit den Vorständen. Wir werden sicherlich im nächsten Jahr öfters in eine „Systemdiskussion“ kommen, wo neben Zitaten von Karl Marx auch Managergehälter eine Rolle spielen. Dies hat auch seine Berechtigung und ist gerade in dieser Zeit nicht Fehl am Platze, sondern schlichtweg „angesagt“. Nur damit kann man die gegenwärtigen globalen Finanzprobleme auch nicht aus der Welt schaffen. Auch der in Aussicht gestellte „1 USD-.Job“ beim Vorstand von Ford ist nur ein Symbol, das er gerne gegen kann, wenn er vorher 40 Mio. USD verdient hat.

Wichtiger aber wäre, wie die komplexen Probleme jetzt zu lösen sind, welche Folge- und Nebenwirkungen die gegenwärtigen Maßnahmen haben werden, denn davon hängen Arbeitsplätze und Schicksale von Millionen von Menschen im nächsten Jahr ab. Ganz nachrangig hängen davon auch die Aktiekurse der Zukunft ab. Mehr Solidarität nicht nur in den Managementetagen, sondern auch bei den Aktionären, wäre einen Schritt in die richtige Richtung. Von Experten wird immer verlangt, dass sie entweder die Glaskugel haben oder perfekte Lösungen für die Probleme der Gegenwart und Zukunft habe.

In meinen 25-jährigen Analysen der Kapitalmärkte nicht nur in Osteuropa habe ich noch nie eine derartige Ratlosigkeit bei Expetern und Top-Manager erlebt. Auch habe ich noch nie erlebt, dass die wirtschaftlichen Beziehungen im In-und Ausland so dramatisch schnell und so global verschlechtert haben. Es kann aber auch gut sein, das das gegenwärtige Stimmungsbild in den Köpfen von Entscheidern gegenwärtig weit schlechter ist, als die tatsächliche wirtschaftliche Entewicklung. Soll heißen, dass auch hier die Psychologie , also die Angst vor der Zukunft, überbetont wird, was erst zu dem Schockzustand, in dem sich die Wirtschaft in einigen Branchen im Moment befindet, herbeiführt bzw. verlängert.

Ob nun die richtige Antwort darauf ist, jetzt Konsumgutscheine anzubieten oder Steuersenkungen durchzuführen, sei mal dahingestellt. Die Bürger könnten auch ohne Konsumgutscheine mehr konsumieren und ich glaube sogar, daran, dass das Weihnachtsgeschäft gar nicht so schlecht sein wird. In der Sendung „Herz für Kinder“ wurde am Sonnabend im ZDF mit 15 Mio. € - soviel gespendet wie noch nie. Warum sollte dann nicht auch Geld für den Konsum vorhanden sein, zumindest in Deutschland mit den geringsten Arbeitslosenzahlen der letzten 5 Jahre? Obama will nun mit einem Mega-Infrastruktur-Investitionsprogramm vor allem für Schulen und Krankenhäuser die Krise in den Griff bekommen und damit über 2 Mio. Arbeitsplätze schaffen. Auch ob dieses ausreicht, steht in den Sternen. Ich wage es, zu bezweifeln. Das Konjunkturprogramm in Deutschland ist noch sehr zögerlich, aber zu viele staatliche Interventionen bedeutet auch mehr Verschuldung, womit sich die Katze wieder in den Schwanz beist.

Anleger sollte auch weiter jetzt vor allem die Markttechnik beachten. Am Freitag konnte das Unterschreiten der 8000-er Marke beim Dow Jones trotzt sehr schlechter US-Arbeitslosenzahlen knapp verhindert werden. 553.000 Arbeitslose bedeutet eine Arbeitslosenquote von 6,7%. Aus einem Minus wurde am Freitag überraschend sogar ein Plus von 3,09% beim Dow Jones Der Dow Jones konnte sich damit wieder um 259 auf über 8635 in die Beruhigungszone retten, was ich (auch) auf das „Plunge Protection Team“ zurückführe, das bei neuralgischen Punkten immer über S&P-Future in den Markt eingreift, um einen Crash zu verhindern. Daher haben wir bisher auch „nur“ einen Salami-Crash in den USA. Bei Unterschreiten von 8000 beim Dow Jones und 4000 beim DAX könnte aber eine weitere Tsunami-Welle auf uns zu kommen und dann rette sich, wer kann. Dies wird jetzt ganz davon abhängen on General Motors, Chrysler und Ford in den nächsten Tagen die geforderten 34 Mrd. USD bekommen oder nicht. Im Grunde sind Chrysler und General Motors faktisch schon jetzt Pleite. Nur merkt das der Markt noch nicht. Er merkt es erst, wenn General Motors wie Lehman Brothers Chapter 11 anmelden muss. In diesem Fall würde auch das Obama-Programm wohl nicht viel nützen, denn dann würden die Arbeitslosenzahlen schon jetzt dramatisch ansteigen.

Hält aber die 8000-er Marke beim Dow und bekommen die maroden US-Automobilkonzerne noch einmal Geld vom Staat (=vom Steuerzahler) nachgeschmissen, kann es zu einer – wenig versöhnlichen - Jahresendrallye innerhalb eines intakten Bärmarktes – auch an den Ostbörsen - kommen. Trader können darauf setzen, sollten die aber nicht ohne Sicherheitsnetz (=Stopp loss-Marken) machen. Es wird in jedem Fall sehr volatil bleiben. Welche Aktien Sie jetzt kaufen oder verkaufen sollen, können Sie der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min.) entnehmen.

Hinweis: Andreas Männicke hat in der aktuellen Ausgabe vom Derivate-Magazins (www.derivate-mag.de) einen langen Artikel (auf S. 38-45) über die möglichen Schnäppchen in Osteuropa verfasst. Die Printausgabe Oktober- Dezember 2008 ist jetzt am Kiosk erhältlich

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