Die Revolutionswelle rollt: Ägypten als neues Modell für den arabischen Raum?

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Samstag, 12. Februar 2011 13:08:00

„Mubarak ist zurückgetreten!“ Das teilte am Freitag der ägyptische Vize-Präsident Omar Suleiman mit. Diese Meldung löste in Ägypten Glücksgefühle aus und sorgte auch an den Weltbörsen für eine Kursrallye. Insofern bedaure ich es nicht, dass mein am 11. Februar um 18.15 Uhr geplantes TV-Interview in N24 auf die nächste Woche um 18.15 Uhr wegen der Live-Berichterstattung aus Kairo verschoben wurde, denn der 11. Februar ist ein wahrhaft historischer Tag, der eine Revolutionswelle im gesamten arabischen Raum auslösen könnte – ganz ähnlich der Revolutionswelle in Osteuropa 1989 zuvor.

Was jetzt in Ägypten passiert ist in der Tat also vergleichbar mit dem, was 1989 in Ostdeutschland und in ganz Osteuropa passierte. Die sanften Revolutionen in Osteuropa verdanke ich heute meiner Hauptarbeit, nämlich über die Entwicklung der Kapitalmärkte und der Investmentchancen in Osteuropa zu informieren. Im arabischen Raum könnten sich jetzt ähnliche Entwicklungspotentiale und Chancen ergeben – auch für den weitsichtigen, strategischen Anleger.

Es ist schon einmalig, dass sich ein arabisches Land auf der Straße befreite und nun die Hoffnung besteht, dass es die ersten freie, demokratischen Wahlen geben wird. Das ist in der arabischen Welt ein wahrhaft historisches Ereignis. Die Fernsehbilder aus Ägypten erinnerten an die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Die bis spät in die Nacht ausharrenden und frenetisch feiernden Demonstranten riefen "Freies Ägypten, freies Ägypten" und: "Das Volk hat das Regime gestürzt". Sie schwenkten die rot-weiß-schwarzen Nationalflaggen und zündeten Feuerwerke. Autokonvois fuhren hupend durch die Straßen wie nach einem Sieg bei einer Fußball-WW. Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei sprach vom "größten Tag meines Lebens". Das Land sei befreit worden. Es waren auch die gleichen TV-Bilder wie nach dem Mauerfall.

Es bleibt nun aber die Frage, wann es freie Wahlen geben wird, wer in Zukunft die Regierung stellt, wer Regierungschef sein wird und wer das Machtvakuum also füllen wird. Auch bleibt die Frage, wie sich die Beziehungen zu Israel und insgesamt im Nahen Osten in Zukunft gestalten werden. Das Militär steht auf der Seite des Volkes und griff nicht ein, ebenso wie damals bei den überwiegend friedlichen Revolutionen in Osteuropa. Im Gegenteil: das Militär soll jetzt für freie, demokratische Wahlen sorgen, nachdem Mubarak abgetreten ist. Chapeau Ägypten! Einen Tag zuvor war die Bevölkerung nach der Mubarak-Rede noch tief enttäuscht. Am Freitag war der Jubel aber sprichwörtlich grenzenlos.

Auch Obama und Merkel begrüßten den friedlichen Übergang. Die Demonstranten, die ihr Leben verloren haben, sind jetzt Märtyrer. Ägypten hat nun die Chance, ein eigenes arabisches Modell zu bilden, das ganz anders als das der Türkei und auch anders als das aus Iran oder Irak werden kann. Keine Frage: der arabische Raum befindet sich im Umbruch und Dämme brechen, die zuvor als stabil angesehen wurden. Die große Frage bleibt aber auch, was nun in die anderen arabischen Ländern passieren wird. Der syrische Präsident hat schon vorsorglich, die Brotpreise gesenkt, die Löhne erhöht und das Internet frei verfügbar gemacht. Wer aber werden die nächsten Revolutionskandidaten nach Tunesien und Ägypten sein? Libanon, Libyen, Jordanien, Syrien oder gar Saudi-Arabien? In Marokko hat nach wie vor der König Mohammed VI das Sagen und dort gibt es keine Anzeichen von Revolutionen. Marokko hat besonders starke wirtschaftliche Verflechtungen nach Europa und hier vor allem nach Frankreich und Spanien. Marokko gilt als gemäßigter Islamstaat auch als Hoffnungsträger für die arabische Welt. Die nächste Protestwelle startet jetzt aber im Nachbarland in Algerien. Und überall geht es mehr Freiheit – auch Presse- und Demontrationsfreiheit! -, Menschenrechte und der fromme Wunsch nach mehr Wohlstand.

Eine Gefahr für die USA wäre ein Sturz des Prinzen-Regimes in Saudi Arabien. Machen wir uns nichts vor: Mubarak war von den USA und Israel mittelbar gekauft. Mubarak war eine starke Persönlichkeit im gesamten arabischen Raum und er war auch bedeutsam bei den Nah-Ost-Konflikten. Auch hier wird es spannend, wer an seine Stelle treten wird.

So sehr ich mich auch über den historischen Tag am 11. Februar vor allem für die unterdrückte Jugend in Ägypten freue, so warne ich doch davor, das jetzt zu viele Hoffnungen oder zu hohe Erwartungen auf eine effiziente Demokratie und erste recht nach einer schnellen Verbesserung des Wohlstandes geweckt werden. Die straken Unterschiede zwischen arm und reich, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und ein steigende Inflation wird es auch mit der neuen Regierung gleich welcher Couleur auch immer geben, da nicht alle Probleme hausgemacht sind. Zudem handelt es sich um einen Wandlungsprozess, der Jahre dauern wird und auch nicht reibungslos verlaufen wird.

Es ist auch die Frage, ob Al Quaida oder andere Religionsfanatiker das Machtvakuum füllen werden oder gemäßigte reformorientiertet Politiker mit Augenmaß und Weitsicht. Es ist nicht ratsam, westliche Demokratiemodelle jetzt den arabischen Ländern aufzwingen zu wollen. Sie müssen ihren eigenen Weg gehen, der auch den Islam als Leitfaden berücksichtigt. Anders wird es nicht gehen. Jedes arabische Land wird andere Erfahrungen machen (müssen). Der in Gang gesetzte Prozess ist aber wohl nicht mehr aufzuhalten. Zu verdanken haben wir dies der mutigen Jugend, die auf die Straße gehen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzten.

Aber ich drücke Ägypten die Daumen dass sie jetzt die richtigen Personen schnell finden, die das Land vereinen und nicht spalten so wie zuvor in der Ukraine. Wenn es keinen starken Mann wie Mubarak gibt, an den das Volk glaubt und der das Vertrauen der Bevölkerung genießt, kann dies zu Lasten der Stabilität gehen, auch der Währungsstabilität. Die arabischen Länder sind genauso wenig Demokratierfahren wie früher die Osteuropäer und was dann für ein „Gottesstaat“ daraus erwächst, wissen wir heute alle nicht. Die Zukunft bleibt also ungewiss. Ich glaube aber an ähnliche Enttäuschungen so wie es auch die Ostdeutschen lange Zeit hinnehmen mussten, trotz aller Transferzahlungen, die die arabischen Länder nicht bekommen werden. Nach der „Befreiungs-Party“ wird es erst einmal einen „Ernüchterungs-Kater“ geben, denn die bestehende Probleme wie steigende Inflation, starke soziale Ungleichgewichte und hohe Jugendarbeitslosigkeit, auch bei Akademikern sind nicht von heute auf morgen zu lösen, ganz egal wer die Regierung stellen wird.

Viele Freiheitsräume werden dann wieder auf den Boden der rauen wirtschaftlichen Tatsachen geführt. Auch wird es neue Machtkämpfe geben, die hoffentlich friedlich ablaufen werden, denn die Pfründe werden dann neu verteilt. Mubarak war zunächst nach Scharm El-Scheich geflogen. Die Milliarden Dollar von Mubarak wurden schon auf Schweizer Konten gesperrt, aber er wird sein Geld wohl nicht nur dort haben. Unterschlupf wird er wohl jetzt erst einmal in anderen arabischen Ländern suchen, wo die Despoten wie Scheichs und Prinzenfamilien noch das Sagen haben. Fragt sich nur, wie lange noch? Die arabischen Länder haben alle enormes Wachstumspotential und den großen demographische Vorteil der Jugend. Aber die Inflationsrate beträgt in Ägypten 12% und bleibt damit ein Problem vor allem für sozialschwache Bevölkerungsschichten.

Was jetzt helfen würde, wäre wahre Hilfe zur Selbsthilfe, viele gemeinsame Projekte, internationale wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe im besten Sinne des Wortes, das die Eigeninteressen hinten an stellt.Vor allem Investitionen in neue Agrarprojekte, Energieprojekte und Wasseraufbereitungsanlagen „vor Ort“ sind jetzt sinnvoll und notwendig, denn die Revolutionen haben ihren Ausgang in zu hohen Lebensmittelpreisen. Obama wäre schon der richtige Mann, das umzusetzen, denn zuvor floss das amerikanische Obama wäre schon der richtige Mann, das umzusetzen, denn zuvor floss das amerikanische Kapital in das Militär und in dunkle Kanäle des Mubaraks Regimes. Auch Europa ist jetzt aufgefordert, mit Rat und Tat zu helfen und neue Wirtschaftsprojekte anzubahnen, denn ohne wirtschaftliche Prosperität sind die großen sozialen Ungleichgewichte kaum zu bewältigen. Wenn der Umwandlungsprozess von Despoten und Autokraten zu demokratischen Strukturen friedlich verläuft, dann wäre dies auch eine große Chance für die arabischen Börsen, auch für die Börse Kairo, die immer noch geschlossen ist. Aber bis dahin ist es noch ein weiter, steiniger Weg. Ägypten hat ein Signal gesetzt; man darf gespannt sein, was Ägypten selbst als demokratisches „Vorzeigemodell“ und hernach die anderen arabischen Länder jetzt daraus machen.

Der Ölpreis blieb am Freitag relativ stabil bei 101 USD beim Brentölpreis bzw. 89 USD beim WTI-Ölpreis. Eine steigende Inflation und mithin steigende Zinsen werden im Jahresverlauf ein Problem für alle Weltbörsen sein, nicht nur für arabische Revolutionsländer! Zunächst gab es aber am „historischen 11. Februar“ Freudensprünge an den Weltbörsen: Der DAX stieg am Freitag nach diesem freudigen Ereignis um 0,42% auf 7321 und er Dow Jones um 0,36% auf 12.273 Indexpunkte. Der Euro schwächte sich wieder auf 1,35 EUR/USD ab. Der Goldpreis fiel auf 1356 USD/Unze.

Der russische RTS-Index zog nach den vorherigen starken Kursverlusten wieder um 1,47% auf 1847 Indexpunkte an, nachdem er in der letzten Woche auch wegen Ägypten scharf korrigierte. Der RTS-Index blieb damit aber unter der 1900-er Marke. Wenn der Dollar unter 1,34 EUR/USD fallen sollte, rechne ich mit starken Korrekturen an den Rohstoff- und Aktienmärkte, so auch an den Ostbörsen.

Der RTS-Index stieg seit Jahresbeginn um über 5%, war aber schon 10% im Plus. Der Kurs der ägyptischen Mobilfunkaktie Orascom Telecom stieg am Freitag intraday ausgehend vom Tagesstief um 10%, per Saldo immerhin um 4% auf 2,47 € in Frankfurt/M, obwohl die Börse in Kairo noch geschlossen war. Daher wurde für ägyptische Zertifikate und ETFs auch kein Kurs gestellt. Bei Orascom Telecom ergeben sich unabhängig von der Revolution eine neue spannende Übernahmestory durch die Übernahmeofferte von der russischen Vimpelcom, die Sie im nächsten EAST STOCK TRENDS nachlesen können.

Am 14. Februar wird auch ein neues, interessantes Russland-Aktien-Zertifikat von Goldman Sachs (WKN GS4EZ9) handelbar gemacht, dass als feststehender Basket 30 russische „Red Chips“ beinhaltet, wobei das Zertifikat durch eine Gleichgewichtung der Aktien mehr der Branchenvielfalt in Russland gerecht wird und daher nicht nur wie die meisten deren Russland-Zertifikate auf Öl/Gasaktien schwerpunktmäßig setzt. Der Öl/Gassektor ist zwar auch interessant, aber Russland hat weit mehr zu bieten als nur Rohstoffe. Die Moskauer Börse zählte in den letzten beiden Jahren zu den am besten performenden Aktienmärkten der Welt (2009>120%, 2010 > 20%, 2011 bisher >5%), wird von westlichen Anlegern aber sehr stiefmütterlich behandelt. Vor dem Investieren sollten Sie sich aber eingehend informieren, denn die Ostbörsen sind auch sehr volatil und es kommt daher sehr auf das richtige Timing an!

Bestellen Sie daher jetzt ein Probe-Abo für den monatlich erscheinenden Ostbörsenbrief EAST STOCK TRENDS (EST, siehe www.eaststock.de) der nächste Woche neu erscheint. Im EST wird auch immer auf das „big picture“ eingegangen, also auf die Hintergründe der gegenwärtigen Gold/Silberhausse und das Pro und Contra an den Weltbörsen, was immer auch Rückwirkungen auf die aufstrebenden Ostbörsen hat.

Die beiden Osteuropa-Muster-Baskets des EST konnten seit März 2009 in einem Jahr im konservativen Red-Chip-Portfolio eine Performance von 249% und im spekulativen Muster-Basket sogar von 360% erzielen. Aktien wie die Holding AFK Sistema konnten sogar um über 700% und das Softwareunternehmen IBS Group um über 2000% (!) zulegen und haben noch Potential. Ausgehend von den Tiefstkursen bestehen realistische 1000%-Chancen. Es gibt eine ganze Reihe von Werten in Russland mit neuen historischen Höchstkursen.

Welche Aktien aus Osteuropa jetzt im Trading-Bereich ge- oder verkauft werden sollten, können Sie auf der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min) entnehmen. Das nächste Ostbörsen-Seminar „Go east!“ findet am 12. Mai 2011 um 17.30 Uhr in Frankfurt/M statt (Kosten 100 €, Dauer 4 Stunden). Wenn Sie Interesse an dem Seminar haben, dann melden Sie sich bitte bei der ESI GmbH (info@eaststock.de; Tel: 040/6570883). Eine Anmeldung ist auch online möglich unter www.eaststock.de

Bitte schreiben Sie uns auch, welche Märkte für Sie besonders interessant sind und mit welchen Aktien Sie in 2010 die beste Performance erzielen konnten.

Interview-Hinweise: Andreas Männicke wurde 3. Februar 2011 in NTV/Telebörse über Russland, am 27. Januar von Dr. Bernhard Jünemann im DAF über Osteuropa, am 13. Januar von der Deutsche Welle (Andrey Gorkov, Russlandredaktion, www.dw-world.de) über den Jahresausblick für die Moskauer Börse, am 7. Januar 2011 im Börsen Radio Network über die Chancen in Russland und am 5. Januar 2011 um 12.00 Uhr im DAF (www.anleger-fernsehen.de) von Andreas Gross über die Anlagechancen in Osteuropa in 2011 befragt. Sie können sich die TV- und Radio-Interview, falls Sie sie verpasst haben sollten, jetzt unter www.eaststock.de bei der Rubrik "Interviews" runterladen. Das nächste TV-Interview von Andreas Männicke wird am 18.2.2011 um 18.15 Uhr in NTV-Telebörse über Russland sein.

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