Der paradoxe Obama-Effekt

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Sonntag, 09. November 2008 17:24:00

„Yes we can“ war Obamas vielversprechender Wahlslogan, was zunächst sagen soll: „Ja wir können, den politischen Wechsel („Change“) herbeiführen. Obama muss sich jetzt aber schneller als ihm lieb den Fakten stellen und die Probleme meistern, die ihm der „Ruinator“ Bush hinerlassen hat. Mich erinnert die Obama-Euphorie vor allem bei der ahnungslosen Jugend etwas an die Euphorie in der Ukraine nach der „Orangenen Revolution“. Letztendlich entscheiden aber auch bei Obama in der Zukunft die wirtschaftlichen Fakten. In der Ukraine endeten die Träume einer bessern Zukunft nun im politischen Chaos, einer Inflation von 30% und einem faktischen Staatsbankrott, der nun nur durch den IWF-Kredit vermieden werden konnte. Gibt es hier Parallelen zu den USA? Am 7. Dezember finden in der Ukraine Parlamentswahlen statt. Wer auch immer gewinnen wird, die wirtschaftlichen Herausforderungen sind sehr groß. Die Börse Kiew verlor in diesem Jahr um 80% an Wert., was hoffentlich keine Parallele zur Wall Street sein wird

Kann Amerika die großen Finanz- und Wirtschafts-Probleme allein lösen? Nein, sie braucht dafür die Weltgemeinschaft. Nur muss der Patient auch erkennen, dass er krank ist. Und die Weltgemeinschaft muss erkennen, dass die Krankheit (der Schuldenmacherei und des bedenkenlosen und unkontrollierte„Laissez faire“) ansteckend ist. Je länger die Krankheit Schuldenmacherei und der mangelhaften Kontrolle (=Intransparenz) nicht erkannt wird, desto schmerzhafter wird der Heilungsprozess für alle Beteiligten werden.

Wir sitzen also alle in einem Boot und es gibt jetzt so einige „Mr. Dooms“ (=Weltuntergangspropheten) auf der Welt (nicht nur Dr. Mark Faber), die jetzt den Untergang der Titanic (USA) predigen. Dazu gehöre ich nicht. Ich gehöre zu den Realisten, die frühzeitig versuchen, auf offensichtliche Fehlentwicklungen hinzuweisen. So war ich einer der ersten die auf die Folgewirkungen des Immobilien-Bubbles in den USA hingewiesen haben und auch auf die globalen Auswirkungen Auch hielt ich einem Börsencrash für möglich, was jetzt auch Realität geworden ist. Erst jetzt wird der Ruf nach einem Frühwarnsystem des IWF laut, obwohl es dies Forderungen schon immer mach bzw. während die Weltwirtschaftskrisen gestellt werden. Auch wird es zu mehr Finanzmarktkontrollen kommen, was zu begrüßen ist, aber nicht hilft, die jetzige Krise zu meistern.

Am nächsten Wochenende treffen sich zum ersten Mal die Industriennationen beim Weltwirtschaftsgipfel in Washington, um ein koordiniertes Rettungsprogramm für die Welt zur Vermeidung einer schweren Weltwirtschaftskrise zu besprechen. Es ist ganz klar, dass dann Konjunkturprogramme (auch für Infrastrukturinvestitionen), aber auch gegenseitige Erleichterungen und Hilfen besprochen werden. Wer aber soll das alles finanzieren? Gefordert sind schon jetzt China, Russland und die arabischen Länder in hohem Masse, denn die müssen weiter die US-Anleihen kaufen, da die USA sonst das gleiche Schicksal erleiden wird wie Island, Ungarn , Ukraine und Pakistan, die faktisch Pleite sind und nun auf die IWF-Kredite warten.

Neben der dringenden Wirtschaftsprobleme wird möglicherweise aber auch die Frage des „Weltfriedens“ (hoffentlich) besprochen, denn die USA führen mit einem Teil der Weltgemeinschaft schon viele zu lange zwei Kriege und zwar im Irak und in Afghanistan, demnächst wohl auch in Pakistan. Denn auf Obama kommen auch hier sehr brisante Probleme und Fragestellungen auf ihm zu. Wie lange wird die USA im Irak bleiben? Wann wird die USA Pakistan bombardieren (müssen), um den einen oder anderen Taliban zu treffen. Auch in Pakistan droht ein gefährlicher Bürgerkrieg, denn Pakistan ist schon eine Atommacht. Was wird Obama mit dem Iran machen ohne China und Russland auf einmal als Gegner zu haben? Wie wird Obamas Außenpolitik zu Russland sein? Kann es zu einem „kalten Krieg“ kommen?

Russland bzw Medwedew provozierte Obama schon am ersten Tag mit der Ankündigung der Positionierung von Kurzstreckenraketen? Damit will Russland deutlich machen, dass Obama auch von der Stationierung der geplanten Flugabwehrraketen auf polnischen und tschechischen Boden Abstand nehmen soll, was er wohl nicht so schnell machen wird. Hier wird auch auf höchstem Niveau (auf dem Rücken der Weltbevölkerung) gepokert, was nicht ganz ungefährlich für die Welt ist. Eine Aufrüstungswelle Bzw Stationierunsgwelle von Raketen demnächst auch in Venezuela??) kann sich im Moment weder die USA noch Russland finanziell erlauben, da sich beide Länder in einer Finanzkrise befinden. Die Sowjetunion ist letztendlich auch durch die Aufrüstungspolitik zugrunde gerichtet worden, weil der Rüstungswahnsinn irgendwann nicht mehr finanzierbar war. Ich kann nur hoffen, dass sich Obama und Medwedew nicht allzu sehr von der Rüstungslobby vereinnahmen lassen, weil dies für den Weltfrieden äußerst bedeutsam ist, übrigens auch für die Weltbörsen. Der verstorben Altmeister Andre Kostolany wies zu recht auf die große Bedeutung der „Friedensdividende“ als wichtigsten Stimulus für die Weltbörsen hin. Die ist aber gefährdet bzw. kehrt sich ins Gegenteil um, wenn es zu einem Konfrontationskurs USA-Russland/China kommen sollte.

Beide können nun am nächsten Wochenende dazu beitragen, dass es am nächsten Wochenende auch hier zu „Change“ kommt. Beide Präsidenten der Weltmächte stehen vor großen Herausforderungen und sollte sich jetzt gegenseitig helfen, aus der Krise herauszukommen. Sie können aber auch anders herum zu einer Verschärfung der Krise beitragen, je nachdem welcher Lobby und welchen Berater sie sich jetzt anschließen. Beide, Obama und Medwedew, sind jung und dialogfähig. Hoffentlich sind sie auch anpassungsfähig und vor allem unabhängig von den jeweiligen Interessengruppen, die jetzt beide Präsidenten umlagern. Obama hat aber große Chancen, nicht nur von einer Lobby abhängig zu sein. Die meisten Wahlkampspenden kamen diesmal anonym über das Internet, was schon zeigt, dass Obama zum vernetzten Denken fähig ist. Welcome in the global village!

Es gibt keine Patentrezepte für die Bewältigung dieser Weltwirtschaftskrise. Klar ist nur, dass die Krise schwerer sein wird als so manche jetzt zu hoffen wagen. Ich befürchte eine Arbeitslosigkeit von über 10% im nächsten Jahr. Im Oktober betrug die US-Arbeitslosenzahl 240.000, womit die Arbeitslosenquote von 6,1 auf 6,6 % steigen. Für September wurde die Arbeitslosenquote von 159.000 auf 284.000 revidiert, was darauf schließen lässt, das die wahre Arbeitslosenzahl für Oktober über 300.000 betragen dürfte. Aufgepasst: Je mehr Personen jetzt arbeitslos werden, desto stärker wird die Kreditkartenkrise in den USA und desto mehr wird der Konsum im nächsten Jahr einbrechen!

Jetzt will General Motors noch einmal weitere 25 Mrd. USD als Nothilfe“ beantragen, was nichts weiter ist als vom Staat subventionierte Konkursverschleppung wäre, ein Konkurs, der Ausdruck einer falschen Produktpolitik wäre. Erst jetzt will GM mit dem Rücken zur Wand auf umweltfreundlichere Hybrid-Autos umsteigen. Wo war hier das Frühwarnsystem oder hatte GM keins? Wenn General Motors im nächsten Jahr trotz aller Mrd-Kredite die Insolvenz oder Chapter 11 anmelden muss, müssen über 300 Mrd. USD an Schulden abgewickelt werden und es werden dann über 100.000 Beschäftiget mit einem Schlag arbeitslos werden. Falls GM Pleite gehen sollte, werden wir auch eine weitere Tsunami-Welle an den Finanzmärkten erleben. Obama muss sich also auch hier den Realitäten stellen. Aus einem Traum kann auch ein Alptraum werden wie in der Ukraine. Allzu viel Hoffnung sollten sich also die Weltbörsen nicht machen, sonst werden sie im Nachhinein nur auf den Boden der Tatsachen geführt.

Die Börse hatte auf die Obama-Wahl zunächst mit kräftigen Kursverlusten mit jeweils 5% an 2 Tagen (am 5. und 6.November) reagiert, was aber nur Gewinnmitnahmen der vorherigen Obama-Rally Ende Oktober um über 10% waren. Zudem mag die Wall Street auf den ersten blich nun mal „linke“ Politiker nicht. Am Freitag reagierte die Wall Street wieder positiv auf die erste Pressekonferenz von Obama. Der Dow Jones stieg am Freitag um 2,85% auf 8943 Indexpunkte, was aber auch eine technische Reaktion der Kursverluste um 10% in 2 Tagen nach der Wahl von Obama war. Obama kann durchaus zu einem positiven Effekt an den Weltbörsen führen, wenn die Börsenteilnehmer erkennen, dass er die Probleme klar anspricht und auch praktikable Lösungsvorschläge macht, die zwar nicht zu einer Abwendung der Krise führen können, aber dazu, dass die Auswirkungen nicht zu groß werden. Denn was die Börse zum großen Teil schon eingereist hat, ist eine Depression und nicht eine Rezession!

Bis Jahresende dürfte die Welt weiter voller Hoffnung auf Obama schauen, wobei er erst im Januar seine Maßnahmen umsetzten kann. Bis daher werden wir präsentiert bekommen, wer mit ihm zusammen die größte Weltwirtschaftskrise in der Nachkriegszeit meistern soll. Wird etwa Waren Buffet Finanzminister werden? Der würde wohl dankend ablehnen, auch wenn man ihm das Angebot unterbreitet. Oder wird es Paulson bleiben, weil er am besten im Thema ist. In jedem Fall, werden viel altgediente Clinton-Regierungsmitglieder jetzt wieder in die Regierung kommen und sei es nur als Berater, wie Clinton auch selbst eine gefragte Frau bleiben wird (der Clinton-Mann steht diesmal im Hintergrund). Und Clinton(-Mann) war damals als „linker“ Präsident gar nichts so schlecht für die Weltbörsen und die Weltgemeinschaft. Nur sind die Wirtschafts- und Finanz-Probleme jetzt um ein Vielfaches größer als damals.

Leider müssen die Anleger aber auch einen Anschlag von Obama wie auf Kennedy für möglich halten, was die Welt aus den Angeln hebeln dürfte. Man bracht nicht viel Fantasie, sondern nur Realismus, um zu erahnen wie die Weltbörsen reagieren würden, wenn Obama einem Attentat zum Opfer fallen würde. Obama ist jetzt der große Hoffnungsträger der Welt und er kann die Welt als „Global Leader“ in der Tat zu einem (Werte)Wandel („Change) in der Welt führen. Es ist eine große Chance für die Weltgemeinschaft, wenn sie und die USA „mitmachen“ und einem Strang ziehen. Wenn nicht, endet sie im Chaos oder in einem 1929-Szenrio. Und das wollen wir doch alle nicht, oder? Nur darf man insgesamt nicht die Hoffnungen zu hoch schrauben, da dies wiederum realitätsfremd wäre.

Können wir also auf eine Jahresendrallye hoffen: Yes, we can!“, wenn beim nächsten Weltwirtschaftsgipfel von den USA und der Weltgemeinschaft gemeinsam die richtigen Signale gesetzt werden (und bis dahin GM noch nicht insolvent ist!) Denn die Welt ist ein „Global Village“- ein globales Dorf! Es wird in jedem Fall sehr volatil bleiben. Welche Aktien Sie jetzt kaufen oder verkaufen sollen, können Sie der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min.) entnehmen.

Fazit: Obama ist eine große Chance für einen Neuanfang- auch für die Weltbörsen. „In der Krise liegt die Chance“ ist daher auch das Thema des nächsten ESI-Ostbörsen-Seminars am 12. November um 17.30 Uhr in Frankfurt/M .

Hinweis: Melden Sie sich jetzt an das Ostbörsen-Seminar „Go East – In der Krise liegt die Chance!“ am 12. November 2008 um 17.30 Uhr in Frankfurt M )Infos und Anmeldung unter www.eaststock.de oder Tel:040/6570883). Melden Sie sich jetzt an! Neben einer Risiko-Chancenanalyse für die Weltbörsen werden dort auch die neuen Chancen an den Ostbörsen ausgelotet. Referenten sind Manfred Kastner (Vorstand von Cat Oil AG), Stefan Laxhuber (Ostinvestor) und Andreas Männicke (ESI GmbH). Infos und Anmeldung unter www.eaststock.de .

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