Das dicke Ende kommt noch

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Sonntag, 23. November 2008 20:07:00

Die Krise im US-Automobilsektor spitzt sich dramatisch zu. Die angeschlagenen und hochverschuldeten US-Automobilkonzerne General Motors (GM), Ford und Chrysler fordern vom Staat nun weitere 25 Mrd. USD, obwohl wohl auch dies wahrscheinlich nicht ausreichen wird, um ein Chapter 11 im nächsten Jahr bei GM zu vermeiden. Der US-Kongress lehnte zunächst ein weiteres Rettungsprogramm am Donnerstag ab und verlangt nun von den Vorständen bis zum 2. Dezember einen klaren Plan vorzulegen, wie die Konzerne glaubhaft aus der Krise wieder herauskommen. Dies schickte die Wall Street wieder auf Talfahrt mit einem Minus von 6%. Der Dow Jones näherte sich damit wieder dem Oktobertief und die anderen Weltbörsen folgten dem Leithammel Wall Street mal wieder blind bei allerdings dünnen Umsätzen.

Leidtragende wären im Fall der Insolvenz von GM auch Opel in Deutschland, die nun durch eine 1 Mrd. € Bürgschaft des Staates vor dem Untergang bewahrt werden sollen. Das Angebot von Solarworld, Opel für 1 Mrd. zu kaufen und in ein „grünes Auto“ umzuwandeln, klingt gut, ist aber nicht umsetzbar. Auch BASF hat Produktionstilllegungen bei 80 Betrieben angeordnet. Damit dürfte jedem Anleger jetzt klar sein, dass die globale Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen ist.

Die nächste Konsequenz eines nachlassenden Konsums und einer erhöhten Arbeitslosigkeit wird eine fulminante Kreditkartenkrise in den USA werden. Unter einem nachlassenden Konsum in den USA würden China und Japan als Exportweltmeister in die USA wiederum am meisten leiden. American Express wurde schnell zur Bank, damit sie nun auch auf die Rettungsprogramme der US-Regierung zurückgreifen können. Ich erwarte einen dramatischen Umsatz- und Produktionseinbruch im 4. Quartal 2008 und damit fortgesetzt schwache Zahlen und vor allem schwache Frühindikatoren, die die Börsen weltweit weiter in Mitleidenschaft ziehen werden.

Dabei hatte sich die Automobilkrise schon lange angedeutet. Das große Problem ist jetzt der Abbau von Überkapazitäten, auch im Stahlsektor. Was jetzt nur helfen kann wären großangelegte Konjunkturprogramme in Infrastrukturinvestitionen und die neue „grüne Welle“. Genau dies hat der neue US-Präsident Obama auch angekündigt. Ebenso will der englische Primier Brown mit einem Konjunkturprogramm von über 15 Mrd. Pfund die Krise vermeiden. Zudem soll die Mehrwertsteuer gesenkt werden, um den Konsum anzukurbeln. Ähnliche unkonventionelle Entscheidungen empfiehlt auch der Deutsche Bank Chef-Volkswirt Norbert Walter. Die Frage ist aber, wie das bezahlbar sein soll, wenn die Steuerausfälle in 2009 zu groß werden und die Arbeitslosenquote stark ansteigt. Ungelöst ist bisher die Frage der Finanzierbarkeit der weltweiten Konjunkturprogramme. Diese wird sich auch für China stellen, die das größte Konjunkturprogramm mit nunmehr 600 Mrd. USD angekündigt haben. Dafür sollen zunächst Anleihen im Volumen von 110 Mrd. USD emittiert werden. Ebenso muss die USA das Konjunkturprogramm über Anleihen finanzieren. Wer aber wird die Anleihen in dem Volumen außer China, Japan und Saudi-Arabien kaufen?

Auch hier hofft man, dass vor allem Gelder aus arabischen Ländern die Finanzlücken schließen können. Einige arabische Länder haben sich aber auch übernommen und müssen sich jetzt gegenseitig helfen, auch wenn das größte Feuerwerk der Welt zur Eröffnung der künstlichen „Palmeninsel“ bzw. des Hotels Atlantis in Dubai und das Stell-Dich-Ein der Multimillionäre oberflächlich ein anderes Bild ergab. Zu dem Anlass waren rund 2000 Gäste aus aller Welt geladen, denen vor dem Feuerwerk unter anderen 1,7 Tonnen Hummer, 4000 Austern, 50 Kilogramm Gänseleber, 1000 Wachteleier und 5000 Sushi serviert wurden. Hoffentlich spricht der Name „Atlantis“ nicht auch Bände, denn auch die Stadt Atlantis ging im Meer unter. Ein Ölpreis dauerhaft von unter 50 USD/Barrel wird auch einigen arabischen Ländern zu schaffen machen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben 47 Mrd. USD Schulden und müssen davon 15 Mrd. USD im nächsten Jahr begleichen. Dies sind aber nur 10% des BSP. Das Emirat Abu Dhabi hat 90% der Öleinnahmen und muss nun dem benachbarten Emirat Dubai mit einer Finanzspritze aushelfen. Auch der Bau einiger Wolkenkratzer kommt ins Stocken. Einige reden schon vom Milliardengrab im Immobiliensektor, andere träumen wiederum immer noch von den größten Türmen der Welt, die noch gebaut werden sollen.

Die Verschuldung ist in allen Industrieländern schon zu stark angewachsen. Im Falle einer Rezession kommen alle Verschuldungsprobleme aber an den Tag und sie werden dramatische Auswirkungen haben. Bundespräsident Köhler fordert ein neues Bretton Woods in dem Sinne, dass die besten Finanzexperten der Welt regelmäßig zusammen kommen und ein neues, stabileres Weltfinanzsystem schmieden. Bretton Woods funktionierte nach einigen Jahren aufgrund nationaler Divergenzen aber auch nicht. Einige spekulieren schon jetzt auf einen neuen Goldstandard. Iran soll angeblich 75 Mrd. USD Gold gekauft haben. Auch im US-Kongress wird diskutiert, ob die FED eine Währungsreform vorbereitet. Auch wird hinterfragt, wer die 2-3 Billionen US-Dollar, die die US-Notenbank angeblich in den Markt gepumpt hat, bekommen hat. Nach einer Phase der Deflation erwarten einige Expetern schon eine Phase der Hyperinflation in den Folgejahren. Der Goldpreis zog bisher aber nur moderat auf 799 USD/Unze an.

Die Weltfinanz-Probleme wurden lange genug zu sehr verniedlicht. Der Auslöser einer neuen Finanzkrise könnte der Konkurs von GM werden, denn an GM hängt auch sehr viel „Psychologie“ (=Vertrauen in die Zukunft und die Verwirklichung von Träumen). Dabei könnte ein Chapter 11 von General Motors psychologisch eben solche verheerenden Folgen für die Realwirtschaft haben wie Lehman Brothers im Bankensektor, obwohl das Kerngeschäft bei GM dann weiterlaufen würde. Das Vertrauen für Zukunftsinvestitionen würde dann schnell schwinden. Das Anleihenvolumen beträgt bei GM 300 Mrd. USD und bei Ford 150 Mrd. USD. Hinzukommen noch die Pensionsansprüche. Schon jetzt sollten sich einige Versicherungen und Pensionskassen Gedanken machen, was sie mit ihren General Motors-Anleihen machen. Da gab es doch tatsächlich in diesem Jahr Vermögensverwalter und Börsenbriefe, die Harakiri spielen wollten und sich General Motors-Anleihen ins Portfolio nahmen. Sie könnten wertlos werden.

Wenn General Motors Pleite gehen sollte, dann wäre dies der zweite große Schock für die USA, denn dann könnten 3 Mio. neue Arbeitslose mit den Zulieferbetrieben hinzukommen. Die USA haben schon jetzt über 50 Mio. Personen, die nicht krankenversichert sind. Wenn aber die Arbeitslosenzahlen steigen, nimmt auch der Konsum ab und 75% des BSP macht in den USA der Konsum aus. Ich rechne im nächsten Jahr mit einer Arbeitslosenquote von 10% in den USA und mit einem neuen Rekord-Haushaltsbilanzdefizit, aber mit einer Verbesserung des Handelsbilanzdefizits durch den auf unter 50 USD/Barrel gefallenen Ölpreis. Angela Merkel wird Recht behalten, dass 2009 ein sehr schwieriges Jahr sein wird. Aber das wissen wir schon lange. Schon die US-Geheimdienste haben schon lange angemahnt, das die USA gerade im Begriff sind, die Vormachstellung auf der Welt in vielen Bereichen einzubüssen. Andere behaupten sogar, die USA stehen vor dem Abgrund und es könne noch schlimmer werden als 1929.

Die Besetzung der Ministerposten machte hingegen am Freitag wieder Hoffnung an der Wall Street. Hillary Clinton soll Außenministerin werden und der gegenwärtige Notenbank-Chef der New Yorker Notenbank Tomothy Geithner soll Finanzminister werden. Dies sorgte am Freitag für eine fulminante Kurserholung um 6,5% auf 8046 Indexpunkte beim Dow Jones Industrial Index, was aber auch nur als technische Reaktion der vorherigen Kursverluste interpretiert werden kann.

Beide Posten sind für die Zukunft der USA sehr wichtig; aber ich beneide keinen jetzt um den Posten. Clinton könnte schon sehr bald in einen von Israel ausgehenden Iran-Krieg verwickelt werden Geihtner muss den US-Finanzmarkt neu ordnen und ein Rekord-Haushaltsbilanzdefizit in der Höhe von 1 Billion USD finanzieren. Dabei wird es in den nächsten Wochen weitere Hiobbotschaften geben. Mittlerweile ist die 20. Bank in den USA Pleite gegangen. Auch die Citibank hängt am seidenen Faden und sucht nach Partnern oder nach weiteren Käufern von Unternehmensteilen im Ausland. Viele Banken mit einem hohen Kreditkartenvolumen werden nun in Schwierigkeiten kommen. Selbst eine Insolvenz des größten Vermögensverwalters der Welt UBS ist in den nächsten Monaten nicht ausgeschlossen, wenn sich die Finanzkrise ausweiten sollte. Immer mehr Länder in Osteuropa kommen nun in Bedrängnis. Als nächstes Land dürfte nach Ukraine und Ungarn nun Lettland einen IWF-Kredit oder Hilfen der EU anfordern. Die lettische Parex Bank aus Riga, die auch Filialen in Berlin und Hamburg, wurde schon verstaatlicht, wobei die Parex Bank dem Einlagensicherungsfonds angehört.

Am 22. November wurde John F Kennedy ermordet: es wäre wohl der größte Schock für die Wall Street und die USA, wenn Obama ein ähnliches Schicksal ereilen würde. Während des kostspieligen Wahlkampfes gab es schon zwei Attentat-Versuche von rechten Chaoten, die aber rechtzeitig erkannt wurden. Zudem gibt es immer noch Gerüchte, dass Israel vor Amtseinführung von Obama am 24. Januar den Iran angreift. Der Ölpreis dürfte dann wieder stark ansteigen. Im Moment ist der fallende Ölpreis aber ein Konjunkturprogramm, was von den Börsen noch gar nicht hinreichend honoriert wird. Durch den fallenden Ölpreis kommen aber vor allem russische Ölwerte unter Druck und notieren jetzt nahe den Oktobertiefs.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die weltweiten Mammut-Konjunkturprogramme schnell greifen werden. Erstaunlich ist in der Tat die Schnelligkeit des Konjunktureinbruchs quasi von „100 auf Null“ in vielen Sektoren in den letzten Wochen. Dabei ging es gerade der deutschen Exportwirtschaft bis Mitte 2008 noch blendend und viele mittelständische Betriebe werden Rekordergebnisse trotz Finanzkrise verbuchen können. Unternehmen wie Lufthansa profitieren auch von dem steigenden Dollar und fallendem Ölpreis. Auch Porsche wird mit dem Mega-Deal mit VW einen neuen Rekordgewinn von 7 Mrd. € einfahren, was die Börse auch noch nicht hinreichend honoriert hat. Die Finanzpolster müssten bei den meisten Unternehmen aufgrund der sehr guten letzten 3 Jahre noch recht üppig sein. Die Auftragseingänge sind aber im 4Q08 weltweit so stark gefallen, dass eine Weltwirtschaftskrise in 2009 sehr wahrscheinlich ist. Das 4. Quartal dürfte daher bei vielen Großkonzernen auch Rekordverluste bringen und im 1Q09 dürfte es nicht viel besser aussehen. Entscheidend wird es aber sein, ob dann die Konjunkturprogramme zu greifen beginnen und eine Weltwirtschaftsdepression vermieden wird.

Nur haben die Weltbörsen auch eine Weltwirtschaftsrezession schon eingepreist, aber noch keine -depression. So kann das Börsenjahr 2009 durchaus recht gut ausfallen, wenn die Krise nicht zu stark ausfallen sollte, wie es die Börsen jetzt einpreisen. Die Durchnschnitts-KGV sind jedenfalls nach den Gewinnschätzungen für 2008 so niedrig wie schon lange nicht mehr. Für das nächste Jahr wir mit Gewinneinbrüchen von 30- 50% im Durchschnitt gerechnet. Unter Berücksichtigung von Goodwill-Abschreibungen könnten per saldo sogar Verluste entstehen wie im Jahr 2002. Noch stehen die Anleger zwischen Hoffnung auf die neuen politischen Kräfte in den USA und Angst vor einer Depression. Die Kardinalfrage ist nun, ob wir in 2009 eine Weltwirtschaftsrezession oder aber eine -depression bekommen. Die zweite Frage ist, wie lange die Krise andauern wird. Auch hier gehen die Meinungen der Experten sehr stark auseinander. Sie reichen von 1 bis 3 Jahren. Im Fall von 3 Jahren würden wir eine ähnliche Entwicklung wie in den Jahren 2000 bis 2003 bekommen, also einen 3-jährigen Bärmarkt. Auch wird es entscheidend sein, ob es zwischenzeitlich neue Kriege von Bedeutung (wie zum Beispiel mit dem Iran) oder einen „kalten Krieg“ geben wird oder nicht, die die globale Wirtschafts- und Finanzkrise wesentlich verstärken und auch in die Länge ziehen würde. Letztendlich werden wie immer die Fakten entscheiden. Die Rüstungsausgaben sind weltweit auf das Rekordniveau von 1,2 Billionen US-Dollar gestiegen. Dafür scheint es also noch genug Geld zu geben, weil die Rüstungslobbys in den USA und auch in Russland sehr stakt sind. Seit 2001 sind die Rüstungsetats wieder weltweit gestiegen, nachdem sie von 1996 bis 2001 gefallen waren.

Im Dezember könnte sich dennoch durchaus zunächst das Hoffungsprinzip an der Börse kurzfristig durchsetzen, was zu einer Jahresendrallye führen könnte, wobei in Deutschland neben der niedrigen Bewertung die Abgeltungssteuer ein zusätzliches Kaufargument für Aktien sein könnte. Von der Markttechnik her ist es bedeutsam, dass der Dow Jones nicht unter 7600 Indexpunkte fällt, da dann sogar eine weitere Tsunami-Welle an den internationalen Finanzmärkte – und auch den Ostbörsen - droht. Beim DAX ist die magische Marke 4000, die halten muss, da sonst ein weiterer Absturz droht. Der Grund für die Fortsetzung des Salami-Crashs könnte sein, dass General Motors Chapter 11 anmelden muss oder dass Israel den Iran über Nacht angreift. Aber zunächst sollen nur die Sanktionen gegen den Iran verschärft werden. Bleiben wir also wachsam und defensiv eingestellt. Cash bleibt King, solange die 200 Tages-Linien fallen.

Fazit: Trader werden wieder gute Reboundchancen bis Jahresende bekommen, was aber selbst im Falle einer Jahresendrallye als „Bärmarktrallye“ einzustufen ist. In der Zeit von 29. Oktober bis 4. November führte die Bärmarktrallye immerhin zu Kursverdoppelungen bei einigen Standardwerten an der Moskauer Börse und einen Anstieg des RTS-Index um über 50%. Selbst der DAX konnte in der Zeit um 32% zulegen. Nun sind wir aber schon wieder fast bei den Tiefständen angelangt und einige Blue Chips haben sie sogar schon unterboten. Der Markt ist damit technisch überverkauft. Es bleibt daher ein Eldorado für Trader und ein Vabanquespiel für Value- und Langfrist-Investoren.

Es wird in jedem Fall sehr volatil bleiben. Welche Aktien Sie jetzt kaufen oder verkaufen sollen, können Sie der täglich aktualisierten Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min.) entnehmen.

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