Börsen bejubeln staatliche Zwangsverwaltung in den USA

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Montag, 08. September 2008 15:18:00

Sind Sie ein Trader (geworden) oder ein Langfrist-Investor (geblieben)? In den nächsten Wochen werden wir erleben, wer mit den hohen Volatilitäten gut zurecht kam und wer dadurch in Schieflagen gekommen ist bzw. sogar kurz vor dem Konkurs steht. Aufgrund der starken Preisschwankungen auch bei Rohstoffen dürften auch einige Hedgefonds, die mit erheblichen Hebeln arbeiten, in Liquiditätsschwierigkeiten kommen. Ebenso dürften einige Private Equityfonds, die nur durch hohe Kredite zu Mega-Deals gekommen sind, in Schwierigkeiten kommen, wenn es keine Folge-Finanzierung mehr möglich ist. Ein weltweiter Credit-Crunch würde auch die Weltbörsen und viele börsennotierte Unternehmen durch die bekannten Dominoeffekte in (Konkurs)Gefahr bringen. Wer sich hoch verschuldet, hat jetzt auch höhere Finanzierungsrisiken und Finanzierungskosten hinzunehmen. Auch viele Kommunen und Gemeinden werden demnächst in den USA aufgrund des „Credit Crunch“ Bankrott gehen.

Zunächst aber bejubelt die Börse die staatliche Zwangverwaltung der beiden angeschlagenen US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae, wo es zu erheblichen Liquiditätsengpässen gekommen ist. Der Nikkei Index und DAX stiegen am Montag um über 3% an. Ein Befreiungsschlag oder gar eine nachhaltige Trendwende ist dies aber keineswegs, eher ein „Strohfeuer“ auch asl Reaktion auf die hohen Kursverluste in der Vorwoche. Ich bin gespannt, in welchen Büchern nun die 5 Billionen Schulden landen, die die beiden Hypothekenbanken über Anleihen aufgenommen haben. Angeblich soll die staatliche Zwangsverwaltung nur 1 Jahr andauern. Jeder zweite Amerikaner hat einen Kredit bei Fannie Mae und Freddie Mac.

Dies ist aber ein herber Schlag gegen die Marktwirtschaft. Eine von vielen Experten propagierte Marktbereinigung würde hier aber nichts mehr nützen, da es hernach keinen Hypothekenmarkt in den USA mehr gebe. Dies erinnert sehr an die Situation der japanischen Banken in den 90-er Jahre, die auch zum großen Teil nach ihren faktischen Konkursen unter die Obhut des Staates kamen. Dies bedeutet aber auch, dass der Steuerzahler das ausbaden muss, was Bankmanager zuvor fahrlässig verursacht haben. In den USA muss der Steuerzahler wohl 100 Mrd. USD für die Schieflagen zahlen. Damit ist die Bankenkrise in den USA aber keinesfalls beigelegt. Schon die nächsten Quartalszahlen werden in einigen Wochen zeigen, wie hoch der zusätzliche Abschreibungsbedarf im Finanzsektor ist. Nach der Hypothenkreditkrise kann immer noch die Konsumentenkreditkrise kommen.

Mittlerweile ist in diesem Jahr im August schon die 10. Bank in den USA Pleite gegangen und keiner hat es bisher so richtig wahrgenommen; ich erwarte weitere Bankenpleiten in den USA, wobei der Krug wohl an Lehman Brothers knapp vorbeigehen wird. Ich erwarte aber auch weitere Merger und Übernahmen nach dem Vorbild CoBa/DeBa, wobei der wirtschaftliche Erfolg abzuwarten bleibt.

Auf der anderen Site gibt es immer noch Unternehmen mit Rekordgewinnen vor allen in Osteuropa. So haben viele osteuropäischen Unternehmen (auch Banken) Zuwächse bei Umsatz und Gewinn von über 50% zu verzeichnen, was im Moment aber nicht entsprechend honoriert wird. Es wird sich also die Spreu vom Weizen trennen.

Beachten Sie bitte weiterhin, dass wir uns nach Greenspan in einer „Jahrhundert-Solvenz-Krise“ befinden und zudem einige europäische Länder wie Großbritannien, Belgien und Spanien jetzt in eine Rezession schlittern. In den USA werden wir ohnehin im Wahlkampf zumindest von Seiten der Republikaner nur geschönte Zahlen bekommen. Bedenken Sie aber bitte, dass die US-Konsumenten mit 170% des BSP so hoch verschuldet sind wie sonst nirgendwo auf der Welt. Der Konsum, die wichtigste Säule der USA, könnte drastisch einbrechen, wenn Immobilienpreise und Aktienkurse gleichermaßen fallen. Dies versucht aber im Moment sehr erfolgreich das „Plunge Protection Team“ in den USA zu verhindern, wozu ich auch die staatliche Rettungsaktion bei Freddie Mac und Fannie Mae zähle.

General Motors versucht die Gunst der Stunde (=US-Wahlkmpf) seinerseits zu nutzen und einen 35-40 Mrd. USD Kredit vom Staat zu bekommen, wobei die Chancen im Wahlkampf besonders gut sind, denn die US-Regierung kann es einen Konkurs vom GM vor der Wahlentscheidung nicht erlauben.

Neben dem Liquiditätsrisiko müssen die Anleger auch weiterhin auf die gerade begonnene „Hurrikan-Saison“ achten. „Gustav“ hat nicht die verheerende Wirkung wie „Kathrin“ im letzen Jahr, es können aber weiter Hurrikane bis November folgen, die den Ölpreis sofort wieder nach oben bringen können. Der Hurrikan „Ike“, der erbliche Schäden in Haiti verursachte, ist nun in Florida und Texas im Anmarsch. Aber schon „Gustav“ richtete einen Schaden von 10 Mrd. USD an. Wenn die Hurrikane keine weiteren großen Schäden anrichten, rechne ich mit einem stark fallenden Ölpreis auf unter 100 USD/Barrel. Der Dollar sollte weiter stärker werden, weil die EZB die Zinsen sinken könne und es zumindest auf dem Papier eher Rezessionstendenzen in Europa als in den USA gibt.

Die EU hat zwar am 1. September wie von mir erwartet zwar keine wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland ausgesprochen, was im Übrigen auch ein Eigentor gewesen wäre. Es soll aber die gewollte „strategische Partnerschaft“ mit Russland auf Eis gelegt werden, wenn Russland nicht den 6 Stufen-Plan in Georgien (=vollständiger Truppenabzug) einhält. Politisch ist die Eiszeit mit Russland damit noch nicht beendet, zumal ein weiterer Konflikt mit Polen/Tschechien wegen des Raketenabwehrsystems der USA vorprogrammiert ist. Die Moskauer Börse brach nach einer kurzen Erholung wieder auf alte Tiefststände ein und hat damit den Bärmarkt noch nicht verlassen. Seit dem Hoch im Mai ist die Moskauer Börse um über 40% in wenigen Wochen eingebrochen und hat noch keinen Boden gefunden.

Auch in der Ukraine ist die Koalition geplatzt und der Präsident sucht mal wieder nach Lösungsmöglichkeiten im politischen Chaos. Zudem ist die Inflation stark gestiegen. In beiden Ländern Russland und Ukraine, ja sogar in Georgien, ist das wirtschaftliche Umfeld jedoch wesentlich besser als das politische. Die Kurse an der Börse Kiew brachen in diesem Jahr um 54% ein, nachdem sie im letzten Jahr um 132% gestiegen sind. Wenn politische Kurse wirklich kurze Beine haben, dürften sich bis Jahresende an beiden Börsen noch hohe Reboundchancen ergeben. Dafür müssten dann aber auch die Weltbörsen „mitmachen“, die sich nach der volatilen Seitwärtsbewegung trotz der Kursavancen am Montag nun auf der Kippe befinden.

Gehen Sie daher jetzt mehr nach der Markttechnik. Bearish wird das kurzfristige Szenario, wenn der Dow Jones unter 11000, der S&P unter 1220 und der DAX unter 6100 Indexpunkte geht. Bullish wird das Szenario erst, wenn der Dow Jones über 11800, der S&P über 1300 und der DAX über 6600 Indexpunkte geht. Kurzfristig ist jetzt eine leichte Kurserholung innerhalb der Trading-Range möglich. Die 200-Tageslinien sind bei allen großen Weltbörsen aber fallend, so dass es sich selbst im positiven Szenario wiederum nur um eine Bärmarktrallye handeln kann. Mit anderen Worten ist ein Crash durchaus in den Monaten September/Oktober noch möglich; ich glaube aber, dass dies das „Plunge Protection Team“ in den USA – auch aufgrund der kommenden Präsidentschaftswahl – einen Crash erfolgreich zu verhindern weiß, so dass der neue Präsident dann die Misere erst in 2009 ausbaden muss.

Viele Aktien in Osteuropa sind jetzt fundamental aber so preiswert und die Unternehmensdaten so gut, dass alles andere als ein starker Rebound in den nächsten Monaten eine „irrationale Übertreibung“ nach unten wäre. Ich empfehle dennoch ein defensive Strategie, mit viel Cash, Ausnutzen von Trading-Möglichkeiten (auch auf der Shortseite!), dem Vermeiden von illiquiden Vehikeln und den Kauf von unterbewerten Blue Chips mit gestaffelten Abstauberlimits. Diese Strategie habe ich auch bei meinen Vorträgen auf der IAM von 5.-7. September 2008 in Düsseldorf kundgetan. Die IAM war aber so schlecht besucht wie schon lange nicht mehr, so dass nach dem „IAM-Indikator“ demnächst wieder gute Einstiegschancen zu sehen sind. Es will im Moment keiner etwas von Aktien wissen, was nur bedeutet, dass das Geld von den Händen der „Zittrigen“ in die Händen der „Hartgesottenen“ wandert.

Welche Richtung die Börse nimmt und wie Sie sich dann verhalten sollen, können Sie der täglich aktualisierten „Ostbörsen-Hotline 09001-8614001 (1,86 €/Min) entnehmen. Meine wöchentlichen Kolumnen und Analysen können Sie ab sofort unter www.andreas-maennicke.de kostenlos abrufen, wenn Sie sich dort registrieren.

Hinweise: Am 12. November findet das nächste ESI-Ostbörsen-Seminar „Go East!“ um 18.00 Uhr in Frankfurt/M (gleich nach dem EK-Forum) statt. Dort werden neben den Chancen an den etablierten Ostbörsen auch die neuen Chancen an den Börsen in Südosteuropa, Zentralasien und den GUS-Republiken ausgelotet. Referent ist neben Andreas Männicke der Ostbörsenexperte Stefan Laxhuber. Bitte melden Sie sich rechtzeitig an unter ESI GmbH; Jüthornstr. 88, 22043 Hamburg, Tel: 040/6570883, Fax: 040/6570884, E-Mail. info@eaststock.de . Andreas Männicke wird am Mittwoch, den 10. September um 18.30 Uhr in N24 (www.n24.de) über Russland befragt. Das nächste Live-TV-Interview über den Balkan mit Andreas Männicke findet am 19. September in der 3SAT/Börse um 21.30 Uhr (www.3sat.de/boerse) statt.

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